Das hässliche Entlein | 1000€-Wette

Heute ist es soweit: Nachdem Daniel letztes Mal dran war, zeige ich euch heute meinen Oldtimer.Und ich glaube, ich kann selbstbewusst sagen, dass ihr an das Auto bestimmt nicht gedacht habt.

Es war schwerer als gedacht.

Ich muss ja wirklich zugeben: Nachdem Daniel mir seinen Saab vorgestellt hatte, war ich ein bisschen verzweifelt. Die Suche nach einem Oldtimer für eintausend Euro war schwieriger als gedacht. Zumal ich es mir selbst noch ein bisschen schwerer gemacht habe, als wir es vorher abgemacht hatten: Ich wollte keinen weißen, keinen silbernen und keinen schwarzen Wagen haben. Zudem sollte er ein bischen außergewöhnlich sein. Natürlich gab es Autos, die mir beim Besiegeln der Wette sofort in den Kopf geschossen waren: Einen VW Derby hätte ich gerne gehabt, oder einen Corsa A. Aber auch einem Citroen BX wäre ich nicht abgeneigt gewesen. Oder einem Rover 600. Aber all die Autos sind in den letzten Jahren – wenn man sie denn noch findet – wirklich teuer geworden. Oder die Autos standen am anderen Ende von Deutschland. Oder man konnte schon auf den Bildern sehen, dass die fix und alle waren.

Und bei anderen Autos habe ich tatsächlich auch einfach zu lange gewartet. Ein A-Kadett wäre dabei gewesen, der aber leider am Tag, an dem ich den Verkäufer kontaktierte, verkauft wurde. Auch ein Mercedes S124 war dabei, gegen den ich mich aber entschieden habe, weil ich schon zwei W124 habe. Und das wird dann irgendwann langweilig. Auch, wenn ich Kombis mag. Ein B-Kadett war leider rostiger als Hein und nicht mal eben so rettbar. Der Fiesta MkII war zwar weiß, aber auch gut und schneller weg als ich bis zehn zählen konnte. Und der Fiesta Mk3 mit HU im schicken Blau war auch schnell verkauft, nur um zwei Tage später für den doppelten Preis wieder inseriert zu werden. Meine Suche verlief fast ins Nichts.

Und dann kam Jürgen ins Spiel.

Ich lag wieder abends im Bett und scrollte durch die wenig versprechenden Inserate, von denen ich Jürgen ein paar schickte. Einen Wagen hatte ich dabei, der war am Maximum unserer 1000€-Grenze eingepreist, gefiel mir aber trotzdem recht gut. Irgendwie hatte ich einen kleinen Softspot für den automobilen Underdog, von dem es laut KBA übrigens nicht einmal mehr 59 zugelassene Exemplare geben soll. Zumindest von der Schlüsselnummer. Ich zeigte ihn Jürgen, der wusste, dass mein Projektauto auch das nächste Schrauberprojekt für die Bremen Classic Motorshow werden sollte. Jap – wir dürfen vom 30. Januar bis zum 1. Februar wieder live für euch auf dem Stand des Klassiker-Nachwuchses schrauben! Und das Auto, das mir eigentlich noch eine Spur zu teuer war, war laut Jürgen eigentlich der ideale Kandidat. Optisch schon ziemlich mitgenommen, dazu selten, aber auch eindeutig ein Einsteiger-Oldtimer, der selbst im Top-Zustand noch erschwinglich sein dürfte. Jürgen hatte recht. Ich schrieb dem Verkäufer, telefonierte mit ihm und schaute ihn mir an. Und das war das Objekt der Begierde:

Damit hättet ihr nicht gerechnet, oder? Vielleicht wisst ihr nicht mal, was das für ein Auto ist, das sich da im stumpfen Grün mit viel Moos vor mir präsentierte. Es ist ein Citroen Visa II aus dem Jahr 1984. Dabei ist er kein GTI oder ein anderes Performance-Modell. Es ist nicht einmal der 1100er Vierzylinder. Es ist ein “Club”, also steckt unter der Motorhaube vorne ein Zweizylinder-Boxermotor mit 34 PS und 656 Kubikzentimetern. Ich weiß jetzt schon, dass einige von euch mit dem Kopf schütteln werden und denken: “Was für eine Shitbox”. Und irgendwie habt ihr da wohl auch recht. Nicht einmal als Neuwagen war der Visa sonderlich beliebt. Und trotzdem mag ich ihn.

Er ist halt anders.


Und zwar ganz anders. Und skurril. Schaut auch mal dieses Armaturenbrett an. Abgefahrener war damals sicherlich kein Auto. Links seht ihr den “PRN-Satelliten”, der für “Pluie, Route, Nuit”, also für “Regen, Straße, Nacht” steht. Damit bedient man per Kippschalter den Blinker und per Drehknöpfe sowohl den Scheinwerfer als auch das Licht. Und auch die Hupe ist in dem Ding versteckt. Abgefahren, oder? Ich fand den schon spannend, als ich ihn anschaute. Und als ich dann noch merkte, dass der Karosseriezustand des Kleinwagens wirklich außerordentlich gut war, schlug ich nach einer kleinen Probefahrt zu. Ich meine… wann habt ihr den letzten Visa gesehen? Ich tatsächlich noch nie zuvor. Außer zwei ausgeschlachtete Exemplare auf je einem Trailer.

Und er sieht aus skurril aus. Tatsächlich finde ich den Wagen irgendwie nicht sonderlich hübsch. Auch wenn mein Exemplar mit Metallic-Lack, einem originalen Glasdach, Türgriffschutzschafen und einem Heckspoiler ausgestattet ist, ist es nun wirklich keine Schönheit. Irgendwie sind die Proportionen echt ungewöhnlich, zudem sieht er mit den schmalen Reifchen und der großen Bodenfreiheit so aus, als würde er auf Zehenspitzen stehen. Und irgendwie sind die Rückleuchten zu tief. Und vorne ist er auch besonders:

Das Facelift macht’s!

Seht ihr diese Kunststoffleiste vorne auf der Haube? Die ist dafür da, damit Citroen keine neue Presswerkzeuge herstellen musste. Das Vorfacelift vom Visa sah ein bisschen aus wie ein kleines Schweinchen. Die Front stand hervor, während die Scheinwerfer weit zurückstanden. Das kam nicht unbedingt gut bei den Kunden an, weshalb sich Citroen dafür entschied, ein großes Facelift zu machen. Ob die Kunststoff-Monobraue dabei hilft? Ich kann es nicht sagen. Ich finde, er sieht immer noch ein bisschen traurig aus. Wobei ich sagen muss, dass der Wagen nun über die Wochen, in dem ich ihn habe, schon etwas cooler wirkt. So richtig nach Achtziger Jahre sieht er aus. Kantig, eckig. Und in diesem Falle: Ungewaschen.

Ähnlich verfilzt wie die Frisuren einiger Rockstars aus den 80ern gibt sich das Lackkleid meines Visas. Überall haftet Dreck am und im Lack – und das Moos sprießt fröhlich munter an allen Ecken und Kanten. Welches grün der Wagen nun eigentlich genau hat? Ich kann es nicht sagen. Und will es gar nicht sagen. Das soll nämlich tatsächlich Teil unserer Arbeit auf der Bremen Classic Motorshow sein: Der Wagen soll optisch wieder so schick werden, wie es nur möglich ist. Gegen den abgekrauselten Klarlack machen wir natürlich nichts, aber vielleicht kann man dem hässlichen Entlein wieder annähernd zu einem Schwan… naja, zu einer sauberen Ente verhelfen. Auch die angelaufenen Alufelgen werden poliert. Und innen? Innen ist es eine ganz andere Geschichte…

Die To-Do-Liste ist lang

Das, was ihr am Armaturenbrett und hier an der Türverkleidung seht, ist leider “the story of the Innenraum” des Visas. Überall bröselt das Kunstleder auseinander. Kein schöner Zustand, zumal das Kunstleder innen den Teppich bedeckt wie vor einigen Wochen der Schnee hier noch die Landschaft. “Monsieur Bernot”, wie wir ihn genannt haben, ist innen wirklich kaputt. Aber auch dagegen wollen wir das tun: In den nächsten Wochen vor der Messe in Bremen werde ich – natürlich mit Hilfe – neue Bezüge für Armaturenbrett, Türverkleidung und Sitze nähen, die wir dann in Bremen anbauen werden. Wie das geht? Ich weiß es noch nicht genau, aber das werde ich euch auf jeden Fall vorher verraten. Der kleine Wagen soll wieder auferstehen. Denn ansonsten ist der Wagen kerngesund: Minimaler Flugrost an einigen Stellen, ansonsten ist er fit wie ein Turnschuh. Nicht selbstverständlich für einen Visa – auch wenn er erst 84 000 Kilometer runter hat. Ihr wollt mehr von ihm sehen? Dann schaut doch mal hier:

Wie ihr seht: Optisch pfui, aber technisch hui. Ich würde mich übrigens tierisch freuen, wenn ihr uns in Bremen besuchen kommt. Vielleicht habt ihr noch den ein oder anderen Tipp für uns – oder ihr sagt einfach mal hallo. Ich hoffe sehr, dass der Wagen wieder schön wird. Für den Innenraum haben wir uns übrigens was ganz besonderes überlegt, aber das erfahrt ihr im einen der nächsten Geschichten. Ich kann euch aber schon mal verraten: Sowohl der Stoff für die Sitze, Türverkleidung und das Armaturenbrett ist schon da, auch der Stoff für die Überarbeitung des Innenhimmels ist schon eingetroffen. Ich werde mich also die nächsten Wochen reinlesen, was zweifachverzwirbeltes Garn ist und wie man einen Nahtauftrenner benutzt, ohne sich im Eifer des Gefechts einen Finger abzuschneiden. Ihr seid gespannt, wie das wird? Und was für Abenteuer wir alles mit den Autos erleben werden?

Ich auch. Das könnt ihr mir glauben!

 

 

Watt'n Schrauber

Volvofahrer und Zündappschieber, Do-it-myself-Schrauber. Autodidakt. Hat zu oft Mitleid mit Fahrzeugen, die niemand mehr will und mag sie dann nicht mehr verkaufen. Liebt "Learning-by-doing", schraubt gerne und schreibt sogar noch viel lieber.

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2 Responses

  1. thorsten sagt:

    Ein Visa mit dem Zweizylinder, ich bin echt begeistert! Ich mag das Ding, von der Skurrillität her ein echter Citröen. Von der Seitenneigung auch…;-)
    Komfortente sozusagen.

    Macht ihr mal, ich lass mich überraschen. Echter Geheimtip für Türverkleidungen und Himmel ist übrigens 3M foam fast 74. Ich hab damit sogar den Stoff auf bröseligem Schaum wieder fest bekommen. Bei Gewebe muss man allerdings mit der Dosierung sehr aufpassen, der Kleber schlägt sonst schnell durch.

    • Hey Thorsten,
      der Wagen ist echt skurril. Leider ist auch die Ersatzteilversorgung eher “skurril”. Oft findet man Teile bei Händlern, aber die sind alle nicht mehr erhältlich. Aber ansonsten fährt der echt cool. Ich mag den kleinen Citroen – der inzwischen allerdings auch etwas geschweißt werden musste. Und vielen, lieben Dank für den Klebe-Tipp! Wir hatten schon das erste Malheur 🙂
      Liebe Grüße
      Lars

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