Sach ma, kannsu uns mitnehm, sach ma?

Habt ihr schon mal einen Anhalter mitgenommen oder habt ihr euch nicht getraut?
comp_comp_SAM_1649aIch habe es einmal gemacht. Es war sehr unterhaltsam. Hier könnt ihr es lesen.

Es ist kurz nach halb eins an einem Freitag. Nachts. Es ist dunkel. Es fällt so viel Wasser vom Himmel wie die Nordsee fassen kann. Nicht wirklich, vielleicht ein bisschen weniger. Aber nur ein bisschen. Ich bin froh ein Dach über dem Kopf zu haben. Meine Reifen rollen über eine einsame Landstraße Eiderstedts, direkt am Deich entlang. Irgendwo zwischen Husum und St. Peter-Ording. Irgendwo im Nirgendwo. Kein Haus weit und breit. Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch im comp_comp_SAM_2003aUmkreis von zehn Kilometern. Der Diesel meines Wolfsburger Massenkombis nagelt ruhig vor sich hin. Ich empfange nur drei Radiosender hier an der Nordseeküste, aber nachts spielen eh alle das Gleiche. Es ist nicht viel los auf den Straßen. Warum auch. Die meisten schlafen, feiern in Discos oder sitzen bei Regen im Dunkeln am Strand, weil halt Urlaub ist und da sitzt man gefälligst am Strand. Nur ein paar Schafe auf der Straße, die sich nachts wohl auch durch die Löcher im Zaun trauen, verlangsamen zwischendurch meine Fahrt. Schnell fahre ich eh nicht. Es ist dunkel und es ist nass. Außerdem spielt gerade ruhige Musik. Irgendetwas von Norman Greenbaum. Und ich muss Sprit sparen. Es sind noch dreißig Kilometer nach Hause und mein Tank ist fast leer.

Während mein Auto die Kilometer in Richtung Heimat frisst, der Kilometerstand hoch- und der eh schon geringe Wert meines roten Kombis herunterwandert, denke ich daran, wie andere Leute ihr Leben wohl gerade verbringen. Freitagnachts. Um kurz nach halb eins. Einige Leute werden in ihrem Wohnwagen ruhig schlafen. Oder Brettspiele machen. Oder ganz komische Dinge mit Handfesseln. Am nächsten Morgen werden sie sich dann mit anderen Wohnwagenbewohnern am Schacht treffen, wo die „Abwassertanks“ leergemacht werden müssen. Dort unterhalten sie sich dann selbstbewusst, während einer nach dem anderen seine Fäkalien in den Schacht schüttet, während die Anderen daneben stehen und zugucken, während sie schüttelnd ihre Behälter mit Wasser ordentlich ausspülen. Nein. Dann doch lieber alleine in meinem Auto sitzen und in Richtung Heimat fahren. Eigentlich bringt es mir sogar sehr viel Spaß. Ich hatte auch viel Spaß in Husum. Man kann sagen, dass ich sehr zufrieden bin.

Andere Leute werden sich gerade mit Alkohol zu schütten, damit sie sich in andere Leute verwandeln. In Leute, die sie gerne sein würden, aber nicht sind. Oder um ihr comp_comp_SAM_3130eigenes, miserables Leben zu vergessen? Ich trinke keinen Alkohol. Ich habe auch nichts gegen Leute, die Alkohol trinken. Ich habe nur gegen Alkoholmissbrauch etwas. Aber das ist ja alles subjektiv. Ich habe nur eine halbvolle (Optimistisch, oder?) Flasche Wasser bei mir. Und eine fast leere Packung Yogurette, die schneller kleiner wurde, als ich dachte. Auf meinem Beifahrersitz liegt auch noch eine Dose mit starkem Salmiaklakritz. Es regnet immer noch. Ich überlege einmal kurz über den Deich zu schauen, aber es ist auch noch ziemlich windig. Aber wann ist es das an der Nordseeküste nicht? Eben. Fast immer. Ich mag das raue Klima. „Es härtet ab“, denke ich mir. In dem Moment muss ich niesen. Naja. Vielleicht auch nicht.

Die Gegend ist friedlich. Und ich bin zufrieden. Zufrieden mit dem, was ich habe. In einiger Entfernung sehe ich ein paar Windkraftanlagen rot blinken, die Straße ist immer noch leer. Menschen gewöhnen sich an ihre Zufriedenheit. Dann sind sie unzufrieden und meckern. Meckern können Menschen gut. Unzufrieden sein mit dem, was sie haben. Ich könnte mich über die Unzufriedenheit anderer Menschen aufregen, aber dann wäre ich ja kein Stück besser als sie. Bin ich eh nicht.

Scheiß Unzufriedenheit.

Es ist nicht mehr weit bis nach Hause. So ungefähr neun Kilometer. Es regnet immer noch, es ist immer noch dunkel, aber schon etwas später. Ich habe schlechte Laune, weil ich mich über die Unzufriedenheit anderer Menschen aufgeregt habe. Unzufrieden mit Unzufriedenheit. Ziemlich komisch, oder? Naja. Auf einmal sehe ich im Scheinwerferlichts meines VWs zwei Gestalten auf der Landstraße herum… naja… „Laufen“ kann man es wohl nicht mehr nennen. Ich bremse zügig. Umnieten möchte comp_comp_SAM_2000aich keinen. Sonst hätte ich einen Grund unzufrieden zu sein und das möchte ich nicht. Die beiden Gestalten entpuppen sich als sehr vollgetankte Männer. Aber sie haben Spaß. Ich höre ihren Gesang. Der Gesang kommt von Herzen. Ich verstehe den Text nur nicht. Einer der beiden dreht sich um. Ich erkenne sein Gesicht. Ich kenne es vom Sehen her, ich weiß nur nicht mehr, woher. Ich weiß nur, dass er einer ist, der niemand etwas Böses will. Zumindest nüchtern. Er lacht etwas durcheinander in das Scheinwerferlicht meines Autos. Der zweite Mann dreht sich um. Sein Gesicht kenne ich auch. Gleicher Typ Mensch. Nur mit Bart. Beide müssen nass bis auf die Knochen sein. Ich habe Mitleid.  Außerdem ist es im Dunkeln auf einer Landstraße echt gefährlich. Ich drehe mein Fenster herunter: „Moin! Soll ich euch mitnehmen?“ Vielleicht war das ein Fehler.

„Sach ma, kannsu uns mitnehm, sach ma?“, fragt der Bartlose. „Klar, meinte ich ja gerade!“, antworte ich. Es ist wohl ziemlich windig. „Voll doll toll!“, antwortet der Bartlose wieder. „Wir sind son bisschen angetüddelt, weissu?“, sagt der mit Bart. Und grinst. Zufrieden. „Steigt ein“, höre ich mich sagen. Und sie tun es. „Du hassda rechts aban Kratzer im Lagg!“, sagt der Bartträger. „Ja, das war die Rache des Betreibers eines Schlüsseldienstes, ich habe ihm seine Freundin ausgespannt“, erzähle ich. Meine Standardantwort, wenn sich jemand um den Zustand des Lacks meines Autos kümmert. Es stimmt natürlich nicht. Ich habe den Kratzer mitgekauft. „Dann bissu ja n Schürzenjäger, wa?“, freut sich der Bartlose und klopft mir auf die Schulter, während er auf dem Beifahrersitz Platz nimmt. Ich sehe einen Plastikbecher in der Hand. Ist wohl Cola drin. Vielleicht mit Korn. Bestimmt mit Korn. „Un du willst uns wiarklich mitnehm, sach ma? Wir sind doch etwas duhn. Aber wir kotzen nich, vasprochn!“, sagt mein neuer Beifahrer. „Prima!“, meine ich nur. „Wo issn hier der Guat, hia hinten, hä?“, fragt der Bartträger verwirrt und lächelt mich an. Zufrieden, dass er nicht mehr im Regen schwanken muss. Er ist eigentlich viel zu groß für die Rückbank. Sein Kopf stößt an den Himmel. „Schau mal hinter deiner rechten Schulter, da sollte er sein!“ – „Auja, dange!“

Ich lege den ersten Gang ein und fahre los. „Prima, dasssu uns mitnimmst, echt! Wie heissu?“ – „Lars.“ – „Ah, wie der Eisdings hier… der bär…?“, kontert mein bartloser Beifahrer und grinst. Ich kenne den Spruch, wie bestimmt zig andere Menschen mit dem Namen. „Ich wollt dir geradee auffi Schulta klopfen, aber ich lassas lieber. Du musst ja fahn!“, bemerkt der Bartlose. „Echt prima, dassu uns mitnimmst. Wiacomp_comp_SAM_3924 komm gerade von einer Geburtstagspaahdi. Ich kenn nämlich n Mädel da. Dass sooo heiß!“ Ich muss grinsen. Und kann mir genau vorstellen, wie die beiden in einigen Jahrzehnten im Altenheim zusammensitzen. Auf einer Bank. Hand in Hand. Ich muss mir das Lachen verkneifen. Ob er davon träumt? „Ich hab n Bild von ihr hier auf mein Handy irgendwo!“, höre ich von hinten. „Lukas muss die sehn!“ Ah, Lukas heißt der Bartlose, denke ich mir. „Der muss doch fahn, du Pfeife!“, höre ich von nebenan. Achso. Ich bin Lukas. Naja, warum auch nicht. Dann halt heute mal Lukas.

Mein Beifahrer hat sein Getränk immer noch in der Hand. Noch nichts verschüttet, noch nichts getrunken. Außerdem er sitzt auf meiner Dose Lakritz. Ob es ihn gar nicht stört? Wohl nicht. Ich drehe die Heizung ein wenig höher, damit meine Mitfahrer sich keine Erkältung einfangen. Die werden morgen wohl schon genug Kopfweh haben. „Das Mmmädel ist so schaaf, sach ich dir!“, höre ich. „Aber Mädels können auch nicht nett sein“, sagt der Bartlose weiterhin traurig, guckt aber zufrieden. „Hier gibbes neuadings auch Trinosaptilus oda so.“, kommentiert der Bartträger von der Rücksitzbank. Ich bin mir sicher, dass es so etwas nicht gibt. „Und was ist das?“ – „N Tier! Total gefährlich, nä. Aus n Tropn. Beißt einem die Hoden ab!“ Ich sage lieber nichts mehr dazu, um nicht in Lachen auszubrechen. War doch keine schlechte Entscheidung die Beiden mitzunehmen. „Du spinnst, du Pfei.. du Pfeife!“ – „Neein!“ – „Dohoch!“ – „Was meins du?“ Und das Thema ist abgeschlossen. Witze unter der Gürtellinie bleiben aus. Vielleicht auch gut so.

Ich frage nach der Adresse. Einen Umweg von fünf Kilometern muss ich fahren. Das ist es mir wert. So viel Unterhaltung bietet kaum ein Radio. Da ist ja eh meistens nur bescheuerte Werbung.

Ich biege ab, um zu der Adresse zu gelangen. „Ich versteh das schon!“, sagt mein Beifahrer  mit fehlendem Gesichtshaar. „Du fährs hier lang, weil ich dir die Adresse gesacht hab, nä?“ – „Jap, ist doch toll, oder?“ – „Du bisn Macher. Du machst einfach. Das finde ich toll!“ – „Naja, ich trete Kupplung, Bremse, Gas und drehe an comp_comp_SAM_1647aeinem runden Rad.“ Ich höre verwirrtes Lachen. Das ist normal. Sie fangen an zu singen. Ein Glück sind die beiden aber schon durch die lange Nacht atemlos. Sie versuchen Guns N’Roses zu singen. „Teek mi daun in ze paradadadeis ciddy wäh see gräss is änt se görls a biddy!“ Ich konzentriere mich echt hart nicht zu lachen. Das wäre fies. Die beiden haben Spaß. Ich auch . Ich stimme mit ein. Drei Mal „Paradise City“. Drei verschiedene Takte. Egal. Es ist lustig. Ich biege auf die Auffahrt eines stattlichen Hauses in einer Kleinstadt. Bewegungsmelder gehen an. „Oh.“, höre ich nur. „Oh?“ – „Scheiße man, hier solln wir doch nich her! Da wohn ich! Ich kann nich besoffn nach Haus, Mensch!“ Er schaut panisch. Ich lege den Rückwärtsgang ein und rolle vom Hof. Er schaut wieder zufrieden. „Schdimmd. Scheiße. Schulligung. Sollen wir nu laufen?“, fragt mich der Lakritz-Besetzer. „Nee, schon okay. Wohin?“

Ich höre eine andere Adresse. Ein Glück fahre ich viel durch die Gegend. Ich weiß gleich, wo es ist. Ich sollte Taxifahrer werden. Aber nur für Leute, die lustig und nicht eklig besoffen sind. „Du bis nedd!“, höre ich von hinten. Ich fahre den Weg durch die Kleinstadt wieder zurück zur Hauptstraße. Es kommen doch noch Witze unter der Gürtellinie. Zu schlecht, um sie hier aufzuschreiben. Außerdem habe ich sie wieder vergessen. Nach drei Witzen war das Thema eh schon wieder vergessen.

Ich fahre weiter in Richtung meiner Heimat. Die jetzige Adresse liegt nun eh auf dem Weg. Sie stimmen wieder ein Lied ein. Ich erkenne es nicht und singe trotzdem mit. Ist ja eh egal. Und hört ja keiner. Und niemand wird je davon etwas zu wissen bekommen ;-). Das Lied wechselt. Und nochmal. Von Zwiebeln als Haarschmuck und gefärbten Pferde so ziemlich alles, was die „Partymusik“ hergibt. Ich muss mir das Lachen unterdrücken, singe dann aber wieder mit. Wir sind zufrieden. Nach zehn Minuten halte ich am diesmal richtigen Haus. „Dange!“ – „Immer wieder gerne!“ – „Ja, Danke. Wir wärn sonst wohl noch nich hier…“. Meine beiden Mitfahrer steigen aus und stimmen dabei „Atemlos“ an. Ich fahre zügig los.

Ich will ja nicht meine Zufriedenheit zerstören.

Und? Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr schon einmal Anhalter mitgenommen? Oder würdet ihr das niemals machen?

 

Über LarsDithmarschen

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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8 Responses to Sach ma, kannsu uns mitnehm, sach ma?

  1. marcrudin sagt:

    Super Beitrag Lars!

    Aber seit wann hat ein Golf IV Kurbelfenster? Ist das eine deutsche Sparversion? 🙂

  2. Ole vonner elbe sagt:

    Moin Lars, hatte dich schon ganz vergessen. Dein Schreibstil erfreut mich immer wieder, macht mir Lust selbst einen Blog zu schreiben, über meine einsamen Touren nachts im Regen, das Radio dudelt Truck Stop, versucht dabei das pfeiffen des 5. Gangs zu übertönen, währenddessen von vorne die russischen Hydrostößel im Gleichtakt stemmen. Davon, wie ich vergesse, wo ich bin, wer ich bin, was ich mache. Davon, wie man eins mit dem Auto und der Straße wird. Dann merke ich aber wieder, ich bin nicht kreativ und auch nicht sprachgewandt. Ich geh mal lieber wieder in die Werkstatt, schweißen, am Russen.

    • Hey Ole!
      Blog schreiben? Warum nicht? 😉 Einen Lada Niva stelle ich mir übrigens auch richtig klasse zum Cruisen vor. Einen unzerstörbaren Eindruck macht er ja.
      Versuch macht kluch! ;-).
      Hier werde ich übrigens auch bald über einen Lada schreiben, der mir ziemlich am Herzen liegt. Dauert aber noch ein wenig… ;-).
      Schöne Grüße
      Lars

      • Ole vonner elbe sagt:

        Wir können uns ja mal treffen, dann darfst mal meinen “leicht” umgebauten Niva fahren 😛

        Habe ich hier schon irgendwo gelesen, dass du da noch was zu nem Lada schreiben willst, weißer Lada 2108 war das oder?

  3. Oliver Khan sagt:

    Klasse Geschichte und echt meisterhaft geschrieben! Bitte mehr davon!
    http://www.raymans-welt.de

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