Christian kennt sich aus

Ich kann nicht verstehen, dass sich einige Leute über ein langweiliges Leben aufregen.Geht man offen durch die Welt, kann man überall etwas erleben. Sogar in der Waschbox.

Zum Glück. Es sind fast alle Waschboxen frei. Anscheinend habe ich endlich einmal das richtige Wetter zum Autowaschen gefunden. Ich muss es mir merken. Wenn es wochenlang regnet und die Straßen matschig und salzig sind, dann kann ich beruhigt losfahren und mein Auto putzen. Sobald auch nur ein Hauch von Sonnenschein durch die Wolken blinzelt, dann stehen wieder all diese komischen Menschen da, die ihr ohnehin schon sauberes Auto unbedingt waschen müssen. Besonders ein Mann mit seinem hellblauen Hyundai ist mir in Erinnerung geblieben. Der fuhr direkt aus der Waschanlage in die Waschbox und wusch sein Auto gleich noch einmal per Hand. Doch heute ist zum Glück alles frei. Nur in der ersten Waschbox steht so ein Dreirad für Erwachsene. Als ich aussteige, sehe ich einen Mann, der um das Gefährt herumturnt und es blitzeblank wienert. Ich stecke vier Euro in den Automaten und drücke den Knopf, auf dem „Powerschaum“ steht. Ich habe wirklich nicht die leiseste Ahnung, was dieser Powerschaum ist, aber den Namen mag ich. Außerdem riecht er irgendwie ein bisschen nach Zahnpasta. Mein Volvo ist von oben bis unten mit Vogelscheiße bedeckt. Anscheinend hatten es sich die Vögel während des letzten Sturms im Carport gemütlich gemacht. Und die Katzen haben dann zusätzlich auf meinem Auto noch Tango geübt. Zumindest sehen die ganzen Tapser irgendwie danach aus. Nicht schön, aber bestimmt nichts, was der Powerschaum nicht in den Griff kriegen sollte.

Ich habe gerade die Hälfte meines Kombis mit dem Powerschaum (höhöhö) eingesprüht, als ich wieder hochgucke und ihn auf einmal neben meinem Auto stehen sehe. Auf seiner knallroten Wollmütze ist ein Tiger abgebildet, der mich freundlich anschaut. Sein bunter Schal macht diesen grauen Tag irgendwie etwas freundlicher und auch seine grün und blau gestreifte Jacke wirkt wie ein echter Farbfleck. Er lächelt mich genauso freundlich an wie der Tiger auf seiner Mütze. Als ich zurücklächle, kommt er näher. Seine Jacke trägt er offen. Auf seinem Pullover steht der Name einer Stiftung, die sich um Menschen mit Handicap kümmert. Ich kenne sie gut. Mein Vater war dort lange ehrenamtlich tätig. „Hallo“, sage ich freundlich. „Hallo“, sagt er grinsend zurück. „Ein schönes Auto!“ Anscheinend hat er ein bisschen Probleme mit dem Laufen und mit dem Sprechen. „Das ist ein Volvo! Ich kenne mich aus!“, meint er grinsend und streckt mir die Hand entgegen. Er stellt sich als Christian vor. „Ich heiße Lars, wie der Eisbär“ sage ich und gebe ihm die Hand. Er lacht laut. Erst, als sein Blick auf meinen dreckigen Volvo fällt, räuspert er sich und stemmt seine Hände in die Hüften. Seine Körperhaltung erinnert mich an einen Handwerker, der gleich „Oha, das wird teuer!“ sagen wird. „Jaha, ganz schön schmutzig“, meint er und schaut mich an. „Ich kann dir helfen! Ich kenne mich aus!“, grinst er mich an. „Dann mal zu!“, antworte ich ihm. „Was muss ich denn beachten?“

Während ich das Auto weiter mit dem Powerschaum einsprühe (die Zeit läuft ja schließlich weiter), erklärt er mir, dass er sich im Internet gerne Videos anschaut, wie Autos gewaschen werden. „Das löst den Dreck“, meint er zu mir, als ich ihn frage, was wohl der Powerschaum ist. „Das ist wichtig, ich kenne mich aus!“ Ich stecke die Lanze in ihren Halter. Christian drückt auf „Hochdruckwäsche“ und reicht mir die andere Lanze. „Jetzt abspülen!“, meint er und zeigt auf das Auto. „Der Dreck macht Kratzer mit der Bürste, ich kenne mich aus!“ Ich nehme die Lanze und will gerade den dicken Matsch am Schweller abwaschen, als er plötzlich ruft: „Dach erst! Von oben nach unten! Ich kenne mich aus!“ Also sprühe ich zuerst das Dach ab. „Der Dreck muss von oben nach unten abgespült werden, sonst macht das Kratzer!“, fügt er noch hinzu und greift nach dem Schlauch des Hochdruckreinigers. „Sonst haut er gegen das Auto, ich kenne mich aus.“ Immer wieder zeigt er auf Stellen, auf denen er noch Dreck gesehen hat. Sobald ich drüber gesprüht habe, lacht er und freut sich.

Irgendwann ist das Auto schon so sauber, dass ich schon wieder gefahren wäre. Doch von den 4 Euro waren noch 2 übrig. Und für Christian war der Volvo noch lange nicht fertig. „Jetzt die Schaumbürste“, sagt er, nimmt mir die Lanze aus der Hand und deutet auf die Bürste, die auf der anderen Seite des Autos in einem Behälter steht. „Oben anfangen?“, frage ich ihn. „Ja, genau!“, antwortet er mir lachend. „Aber immer so! Sonst gibt das Kratzer! Ich kenne mich aus!“, sagt er zu mir und deutet an, dass ich die Bürste nur in Fahrtrichtung bewegen sollte. Also mache ich das auch. Von vorne bis hinten seife ich das Dach ein, Christian hält wieder den Schlauch fest. Erst als ich mit den Scheiben anfangen will, meldet er sich wieder. Unter der Dachreling war ich wohl nicht gründlich genug. Als ich auf beiden Seiten noch einmal mit der Schaumbürste entlangfahre, freut er sich und lacht. „Ich wasche mein Fahrrad hier oft. Ich kenne mich aus!“, sagt er zu mir, als ich (brav in Fahrtrichtung) über die Motorhaube putze. Mein Volvo scheint irgendwie zu grinsen. Entweder genießt mein Kombi die kleine Wellnesskur oder Christians Grinsen ist so ansteckend, dass ich überall nur noch lachende Gesichter sehe. Als ich ihn frage, ob er denn schon oft Autos gewaschen hat, nickt er ganz oft. „Den VW von meiner Mama und meinem Papa“, sagt er. „Saubere Autos sind wichtig. Ich kenne mich aus!“

Der Schaum tropft mit großen Platschern auf den Boden der Waschbox. „Und nun Abspülen, ganz gründlich, das gibt ansonsten Flecken!“, meint er grinsend und drückt mir wieder die Lanze in die Hand. Kein einziger Schaumtropfen ist vor Christians Augen sicher. Auf jede noch so kleine Schaumblase zeigt er. Sobald ich sie weggespült habe, lacht er und freut sich. Das Gelände ist wie leergefegt. Die Waschboxen sind alle leer und auch bei den Staubsaugern steht kein Auto. Christian freut sich, dass er mir helfen darf. Ich freue mich, dass ich Christian treffen durfte. Als an einer Alufelge noch etwas Bremsstaub zu sehen ist, greift er sich schnell noch einmal die Schaumbürste und wäscht sie sauber. „Der Schaum muss wieder weg, ich kenne mich aus“, sagt er. Als ich den Schaum von der Felge wegspüle, lacht er sogar noch mehr als sonst. „Das Auto seiner Eltern muss wohl das sauberste Auto in ganz Schleswig-Holstein sein“, denke ich, als Christian auf dem Automaten den Knopf „Heißwachs“ drückt.

„Das hält das Auto lange sauber, ich kenne mich aus. Das ist sehr heiß!“, meint er mahnend zu mir, als das milchige Wachs auf den Lack trifft. Bei seinem Fahrrad würde er es auch bei jeder Wäsche machen, meinte er. Es würde auch vor Kratzern schützen. Er kenne sich aus. Die ganze Zeit läuft er mir treu hinterher und hält den Schlauch weit weg vom Auto. Erst jetzt fallen mir seine Gummistiefel auf, die aber noch erstaunlich trocken aussehen. Meine Schuhe sind inzwischen schon ziemlich nass. Meine Socken auch. Jedes Karosserieteil lässt mich Christian mit dem Heißwachs besprühen. In der Zwischenzeit hatte ich noch einmal zwei Euro nachgesteckt. Hätte ich abgebrochen, wäre Christian wohl traurig geworden. Außerdem war wohl noch keines meiner Autos so sauber wie der V40 jetzt. Nach dem Heißwachs muss ich das Auto noch einmal fleckenfrei abspülen. Von oben nach unten. Wie Christian es mir erklärte.

Der schwarze Lack glänzt mit einer Tiefe, die ich noch nie gesehen habe. Zufrieden stemmt sich Christian wieder die Hände in die Hüften. „Schön sauber!“, meinte er zufrieden. „Ohne dich wäre mein Auto bestimmt noch ziemlich dreckig“, sage ich und strecke ihm die Hand entgegen. Lachend gibt er mir die Hand „Du bist ja ein richtiger Experte, vielen Dank!“ – „Mit dem größten Vergnügen“, antwortet er und verbeugt sich. „Es war mir eine Ehre.“ Er lächelt mir zu und läuft langsam in Richtung seines Dreirades. Irgendwie möchte ich mich aber doch noch richtig bedanken und gehe schnell zu der Tankstelle, die nur ein paar Schritte von meiner Waschbox entfernt ist.

 „Sie haben also Christian kennengelernt!“, meint die Verkäuferin lachend zu mir, als ich die Tankstelle betrete. „Er ist oft hier und wäscht sein Fahrrad oder kauft eine Fanta. Er wohnt wohl da hinten in Richtung Friedhof.“ Schnell greife ich zwei Flaschen gelber Brause aus dem Kühlregal, stelle sie auf den Tresen und zücke mein Portemonnaie. „Der kennt sich ja richtig gut mit Autopflege aus!“, sage ich zu ihr, während die Kasse zwei Mal piepst. „Das ist ein ganz lieber“, lächelt mich die Verkäuferin an. Schnell schnappe ich mir die Flaschen, wünsche ihr noch einen schönen Tag und gehe raus.

Gerade will er sich auf sein Dreirad schwingen, als ich seinen Namen rufe. Lachend schaut er mich an. „Hier, schau mal. Für deine nette Hilfe! Dann kannst du dir einen tollen Feierabend machen!“, halte ich die zwei Brause Flaschen erst hoch und stelle sie dann in den Korb seines Fahrrads. „Dankeschön“, meinte er ganz laut lachend und gibt mir noch einmal die Hand: „Tschüss!“ – „Tschüss Christian“, sage ich zu ihm und gehe zurück zu meinem Auto. Ich nehme noch schnell einen Lappen aus dem Kofferraum und wische erst die Scheiben und dann die Einstiege und Dichtungen trocken. Das Auto riecht irgendwie zitronig und glänzt wie frisch lackiert.

Ich drehe am Zündschlüssel, der Motor brummt noch ruhiger und zufriedener als er es sonst schon tut. Vorsichtig fahre ich aus der Waschbox raus. Als ich in Richtung Straße rolle, sehe ich Christians Dreirad neben einer anderen Waschbox stehen. Darin? Ein brauner, eingeschäumter Scenic, ein lachender Christian und eine lachende Frau. Christian sprüht den Renault mit Powerschaum ein, die Frau amüsiert sich anscheinend prächtig. Ich winke Christian noch einmal zu, er winkt zurück. Und auch die Frau grüßt mich lachend. So sauber wird ihr Renault ganz sicherlich nicht noch einmal werden.

Christian kennt sich nämlich aus.

Über LarsDithmarschen

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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2 Antworten zu Christian kennt sich aus

  1. Thomas sagt:

    Sehr schöne Geschichte, ich habe köstlich geschmunzelt!

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