Vergangenheit, goldbeige.

Es wird oft empfohlen, beim Kauf eines Klassikers auf die lückenlose Historie zu achten.Und wenn man nichts weiß? Kann ich noch etwas über Elsas Geschichte herausfinden?

Kaufberatungen sind schon wichtig.

Gerade für Neueinsteiger sind Klassiker-Kaufberatungen oft eine große Hilfe, nicht unbeholfen ein Wrack zu kaufen und unheimlich viel Geld in ein Auto zu stecken, das am Ende des Tages trotzdem noch auseinanderbricht. Aber auch für bereits erfahrene Oldtimerschrauber und –Besitzer sind sie nützlich. Schließlich ist wirklich jedes Modell anders und weist andere Schwachstellen auf. So werden in den Kaufberatungen meist häufig auftretende, technische Mängel aufgezählt, genauso die Karosseriestellen, die der Rost besonders gerne verspeist. Auch die Ersatzteillage wird häufig erwähnt, denn die ist wirklich nicht mehr bei allen Modellen gut. Was aber bei fast jeder Kaufberatung für egal welchen Old- oder Youngtimer enthalten ist, ist der Hinweis, dass man neben einem guten Pflegezustand auch auf eine lückenlose Historie des Fahrzeugs achten sollte.

Man sollte das möglichst beste Exemplar kaufen.

Eigentlich stimme ich dieser Aussage grundsätzlich ja zu – vor allem, wenn man keine Möglichkeiten besitzt zu schrauben. Und trotzdem habe ich mich noch nie daran gehalten. Das beste Beispiel hierfür ist wohl Elsa. Als ich vor sechs Jahren bei der Suche nach einem Oldtimer auf das bilderlose Inserat von Elsa stieß, war ich recht schnell Feuer und Flamme. 1800€ für einen Wagen von 1957? Ein Traum. Sofort druckte ich mir die Kaufberatung der Volvoniacs aus, lernte sie auswendig und fuhr einige Tage später nach Dänemark. Dort angekommen fand ich dann Elsa. Alle „Sollroststellen“ des Buckelvolvos konnte ich als fast rostfrei abhaken – weil sie einfach nicht mehr vorhanden waren. Überall klafften faustgroße Rostlöcher, genau so, wie es mir der nette dänische Verkäufer erklärt hatte. Wie es technisch um das Auto stand, konnte keiner sagen – die Volvo-Dame hatte immerhin vierzehn Jahre in einer feuchten Scheune gestanden. Alles sprach gegen einen Kauf.

Und trotzdem wurde sie mein.

„Warum denn das?“, werdet ihr euch jetzt vielleicht (vermutlich etwas verwirrt) fragen, wenn ihr Elsas Geschichte noch nicht kennt. Doch ich kann euch beruhigen: Als ich stolz meinen Neuerwerb zeigte, bekam ich diese Frage sehr häufig zu hören. Neben der Herausforderung, die ich in der Herrichtung von Elsa sah, war ich auch einfach ihrem Charme erlegen. Bei der Abholung erzählte mir der nette Däne nämlich, dass Elsa neun Jahre vorher treu bei ihrem Besitzer fuhr – wohl sogar Sommer wie Winter. Ganz genau wusste er das nicht mehr, aber die Rostschäden sprachen ja Bände. Und irgendwie mag ich solche Autos, die wirklich genutzt wurden. Und damit meine ich keine „Oma-Autos“, die in vierzig Jahren vielleicht dreißigtausend Kilometer fahren durften, nein. Autos, die richtig gelebt haben und von Menschen geprägt wurden. Hier einmal eine Delle, da ein Brandloch im Sitz – solche Sachen erzählen Geschichte: Dieses Auto wurde benutzt.

Ihr merkt: Patina find ich toll.

Wobei ich ja schon einmal darüber philosophiert habe. Es gibt wohl eine subjektive Grenze zwischen Schrott und Patina. Da muss auch jeder selbst wissen. Ich mag eben Autos, die zeigen, dass sie viel benutzt wurden. Henkelmännchen ist mit seinem braunen Innenhimmel und den kleinen Brandlöchern unter dem Innenspiegel ein gutes Beispiel. Oder Hein, der trotz 7 Vorbesitzern in 30 Jahren auch immer noch fährt. Oder die Zündapp, die ihrem Besitzer auch über 26 Jahre tagein, tagaus gute Dienste geleistet hat. All meinen Autos sieht man an, dass sie nicht nur in der Garage standen. Auch Elsa. Das Chrom habe ich pickelig gelassen, der Innenhimmel wurde einmal notdürftig geflickt und auch die Sitzbezüge sind original. Selbst der „ELF“-Anhänger an der Kette für die Kühlerjalousie habe ich hängen lassen. Auch wenn Elsa kein Renault ist, es gehört halt zu ihrer Geschichte.

Apropos Geschichte.

Nun kommen wir zu einem Thema, was mich schon lange ein wenig wurmt. Wobei „wurmen“ nicht ganz richtig ist, eigentlich bin ich eher neugierig. Ob ich es wohl noch schaffe, Elsas Geschichte nach 62 Jahren zu rekonstruieren? Finde ich noch Leute, die früher etwas mit meinem Auto erlebt haben? War „Elsa“ ein Familienmitglied und hatte früher vielleicht einmal einen ganz anderen Namen? Oder war es einfach nur ein Nutzfahrzeug und wurde gefahren, gefahren, gefahren? Viel weiß ich leider nicht von Elsa. Doch ich will es herausfinden. Leider konnte ich bisher nur ein paar kleine Brocken in den letzten 6 Jahren zusammentragen. Und zwar folgende:

Seit sechs Jahren – das brauch ich wohl fast nicht zu erwähnen – gehört Elsa mir. 2013 verliebte ich mich in die großen, runden Scheinwerfer, machte Elsa drei Jahre fit und fahre seitdem fröhlich mit ihr durch die Gegend. Davor gehörte Elsa vierzehn Jahre dem netten Dänen. Der kaufte den Wagen mit starken Rostschäden, hatte vor den Wagen zu restaurieren und mit einem B20-Motor und einem Vierganggetriebe ein wenig alltagstauglicher zu machen. Doch zu viele Projekte und zu wenig Zeit ließen ihn das Vorhaben nach über einem Jahrzehnt doch abbrechen.

Davor gehörte Elsa einem Mann in Harrislee, der sie 1990 aus Dänemark nach Deutschland importierte. Ich denke mal, dass das kein Zufall war, sondern ein bewusster Kauf. 1990 wird es in Deutschland auch trotz Wende und einer hohen Nachfrage an gebrauchten Westautos bessere Alltagsautos gegeben haben, als einen alten Volvo. Aus dieser Zeit habe ich einen Kassenbeleg, der bescheinigt, dass Elsa – ich glaube, es war 1992 – in Flensburg in einer Waschanlage gewaschen wurde. Genauso fand ich einen Kugelschreiber mit „Lotto am Sonntag“ und eine leere Packung Kaugummis. Anscheinend wurde Elsa also wirklich gefahren – bis der Rost 1999 wohl überhandnahm.

Das war es fast mit der Historie.

Einen einzigen Hinweis habe ich noch. Neben ein paar dänischen Kronen fand ich noch einen Ölwechselbeleg von 1990. In Vallensbæk Strand bekam Elsa beim Kilometerstand 47530 einen Ölwechsel. Sie fuhr also von 1990 bis 1999 wohl ungefähr 30 000 Kilometer. 130 000 Kilometer halte ich eher für ungewöhnlich. Vallensbæk Strand ist ungefähr 25 Kilometer von Kopenhagen entfernt – fuhr Elsa also vielleicht in der Hauptstadt? Eins ist sicher: Die Werkstatt, die damals den Ölwechsel durchführte, existiert heute wohl nicht mehr. Wenn es aber stimmt, was der Fahrzeugbrief von 1990 erzählt, dann hatte Elsa in Dänemark nur einen Vorbesitzer oder eine Vorbesitzerin. Leider wurden die dänischen Zulassungspapiere beim Import 1990 eingezogen – und ob die heute noch archiviert sind? Ich glaube eher nicht. Das wäre wahrscheinlich schon aus Datenschutzgründen nicht möglich.

Aus den Papieren weiß ich nur, dass Elsa am 07.03.1958 für den Straßenverkehr zugelassen wurde. Auch eine Info, die zwar gut zu wissen ist, aber wirklich weiter bringt es mich nicht. Eine E-Mail an das Volvo-Museum in Göteborg brachte immerhin noch die Info, dass Elsa am Nikolaustag 1957 gebaut und am selben Tag noch in den Export nach Aabenraa (290 Kilometer von Kopenhagen entfernt) geschickt wurde. Allerdings weiß ich hier auch nicht, ob diesen Weg nicht alle für den dänischen Markt bestimmten Volvos gegangen sind.

Es steht also noch einiges an Recherchearbeit an.

Leider wohnt der Mann, der Elsa von 1990 bis 1999 gefahren hat, nicht mehr in Harrislee. Ein Brief, den ich einmal an die Adresse schrieb, kam nach ein paar Wochen zurück. Natürlich habe ich den Namen gegoogelt. Drei Männer tragen denselben Namen wie der Vorbesitzer. Also werde ich dorthin wohl auch noch einmal einen Brief schreiben. Und wenn das nicht klappt, muss ich wohl einmal mit Elsa nach Harrislee fahren und dort nachfragen, ob sich noch jemand an das Auto erinnern kann. Ein Alt-Volvo-Kontakt nach Vallensbæk Strand reagierte leider nicht auf meine Mail.

Ich bin schon sehr gespannt, ob ich es schaffe, in den nächsten Monaten (oder vielleicht sogar Jahren?) Elsas Geschichte komplett zu rekonstruieren – wenn das nach 62 Jahren überhaupt noch möglich ist.

Aber davon werde ich euch schon noch berichten. Auch, wenn ich gar nichts herausfinde.

Dann lerne ich einfach dänisch und frage Elsa.

 

Über LarsDithmarschen

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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