Das Glück fährt mit.

Eine ungewöhnliche Überschrift für ein nerviges Erlebnis. Kann euer Auto auch klappern?Mein Alltagsauto wollte mich wohl ärgern. Und raubte mir auch fast den letzten Nerv…

Würde ich nur „Harald“ fahren, wären meine Geschichten hier mächtig langweilig.

Denn er tut das, was er soll. Im April 2016, also vor fast drei Jahren, kaufte ich mir den roten Golf Kombi, um damit täglich von meiner Wohnung in Dithmarschen nach Hamburg zu pendeln. Und seitdem macht er es auch zuverlässig. Tagein, tagaus frisst er brav seine Kilometer und bringt mich immer ans Ziel. Trotz Dieselgemotze und Unkenrufen à la „Kauf dir mal etwas Cooleres!“ werde ich mich so schnell nicht von dem Wagen trennen. Zur 300 000 Kilometermarke fehlen nun keine tausend Kilometer mehr – und müde ist er noch lange nicht. Außerdem laufen Wetten, wie lange der Wagen wohl durchalten wird. Und die möchte ich nicht verlieren.

Doch am Mittwoch sah ich mich schon meine Wettschulden einlösen.

Eigentlich war es ein ganz normaler Mittwoch. Noch nicht ganz wach, aber bereits frisch geduscht und das Frühstück verdauend, schloss ich die Haustür ab und ging in Richtung Carport. Wie jeden Morgen pustete der Wind meine frischgekämmten Haare durcheinander, heute prasselte zusätzlich auch noch der Regen auf meine frischgeputzte Brille. Schnell stellte ich meine Tasche hinter den Fahrersitz, setzte mich ans Steuer und startete den Motor. Irgendein lustiger Witz eines Radiomoderators brachte mich dazu, noch vor dem Losfahren den Radiosender zu wechseln. Einige Sprüche müssen um viertel nach fünf einfach nicht sein. Ich legte den ersten Gang ein und machte mich auf den Weg in Richtung Großstadt.

Doch schon nach einigen Metern, als ich die Auffahrt verließ und auf den Plattenweg wechselte, schaltete ich das Radio wieder aus. Irgendetwas hatten meine noch müden Ohren gehört, was mir überhaupt nicht bekannt vorkam. Ich bremste (wie üblich) für die Bodenwelle, die die Platten in den Jahren geworfen hatte und lauschte. Da! Ganz deutlich ein metallenes Klappern. Sofort hielt ich den Wagen und stieg aus. Meine Gedanken: „Bremsleitung schleift am Boden!“ kam mir auch nur im Halbschlaf plausibel vor. Bei einem Gang um das Auto konnte ich aber nichts feststellen. Die Zeit drängte, also setzte ich mich wieder hinters Steuer. Mit dem Gedanken im Kopf, dass ich mich schlichtweg verhört hatte oder zu müde sei. Wenn ich die flache Teerstraße erreicht hätte, wäre es bestimmt weg.

Doch weit gefehlt.

Ich freue mich eigentlich jeden Morgen auf das erste Stück der A23. Die ist wunderbar leer. Die ersten fünfzig Kilometer genieße ich immer richtig. Gemütlich über die Autobahn fahren, der Musik lauschen und sich über den neuen Tag freuen. Hört sich jetzt furchtbar nach „Oh wie schön ist die Welt“-Klischee an, doch ich mache es wirklich. Naja – am Mittwoch hatte ich ganz andere Gedanken. Auf der glatten Asphaltstraße war das Klappern noch genauso zu hören. Unregelmäßig kam dieses Geräusch, das sich anhörte wie alte Glücksräder. Ihr wisst schon – diese verkleideten Fahrradfelgen mit aufgeschweißten Schrauben, die immer an einem kleinen Stück Federstahl vorbei klackern. Vielleicht war die Frequenz meines Klackerns ein bisschen höher – doch es störte mich trotzdem ungemein.

Von meinem Kumpel Jürgen werde ich häufig als „Autohypochonder“ bezeichnet, weil ich angeblich Dinge höre, die niemand anderes hört. Und genau deshalb fuhr ich auch nicht so entspannt in Richtung Süden. Ich kratzte in Gedanken schon mein Erspartes zusammen. Sollte sich irgendetwas im Motorraum gelöst haben? Der Motor lief ruhig und eigentlich hörte es sich eher nach Innenraum an. Oder würde der Turbolader so langsam aufgeben? Aber dann käme es wohl nicht von der Beifahrerseite. Etwas mit den Bremsen? Oder fliegt draußen vielleicht bald eine Zierleiste weg? Ich schaute auf die Uhr. Für einen weiteren Stopp hatte ich keine Zeit – und der Wagen lief ja normal. Ich entschied mich, mich mehr um den Platzregen zu kümmern und drehte einfach das Radio lauter. Vielleicht wäre es ja weg, wenn ich Harald einmal neu starte. Manchmal reparieren sich Sachen ja auch von selbst.

Doch das Glück war mir nicht hold.

Einige Stunden später ging ich ganz unbekümmert durch die Tiefgarage in Richtung meines Autos, das rot glänzend in einer Ecke stand. Das Klappern hatte ich schon lange verdrängt, zu aufregend war der Tag gewesen. Genauso wie morgens drückte ich auf die Fernbedienung der Zentralverriegelung, die auch sofort klackend die Tür öffnete und stellte meine Tasche hinter den Fahrersitz. Erst als ich selbst Platz genommen und die Tür geschlossen hatte, war dieses Klackern sofort wieder da. Ich hatte den Motor noch nicht an und der Wagen stand auch. Es musste etwas im Innenraum sein. Kurz durchwühlte ich das Handschuhfach, die Türtaschen der Fahrer- und Beifahrertür, in der Hoffnung, dass dort vielleicht etwas verrutscht war, startete den Motor und fuhr los. Doch schon auf der Rampe der Tiefgarage war es wieder da. Ich drehte meine Rolling-Stones-Kassette ein wenig lauter und nahm mir vor, es zu ignorieren.

Es half nur noch kurzer Prozess.

Ich hatte es ja schon lange vor mir hergeschoben. Eine Innenreinigung hatte mein Auto schon längst nötig, doch ich hatte immer wichtigere Dinge zu tun. Aber nach weiteren eineinhalb Stunden Geklapper war das Durchsaugen und Staubwischen auf Platz 1 der Prioritätenliste gerutscht. Ich muss sagen, dass ich wirklich Mitleid mit den Leuten habe, die einen ganzen Tag am Glücksrad stehen müssen. Wie die Leute das aushalten können,  ist mir ein Rätsel. Zwar klappert mein Golf wohl aufgrund des Alter schon so manchmal mit der ein oder anderen Verkleidung – doch so ein nerviger Ton war noch nie dabei. Und als ich meinen Wagen im Carport abstellte, war ich mir sicher, dass dieser Ton auch nicht bleiben sollte.

Doch bevor ich mich mit Staubsauger und Lappen bewaffnete, musste ich den Innenraum erst einmal ausräumen. Das hatte ich nämlich schon länger nicht mehr getan und irgendwie hatten sich ein paar Sachen angesammelt. So war ich ziemlich erstaunt, als ich unter dem Beifahrersitz hinter 18 Wasserflaschen (man sollte immer genug trinken!) noch ein neues Paket Pinsel fand. Die hatte ich vor einigen Wochen zur Renovierung meines Flurs gekauft und schon so vermisst, dass ich mir neue gekauft hatte. Peinlich. Unter den Pinseln kamen dann auch noch zwei Prospekte neuer Motorräder zu Vorschein. Die Packung Schrauben unter dem Fahrersitz hatte ich noch nicht vermisst – die waren dem Klang nach trotzdem nicht der Verursacher. Und die beiden abgerissenen Hemdknöpfe sorgten bei mir eher für ein Schmunzeln als für ein Klappern. Die abgelaufenen Parkscheine wanderten gleich in die Papiertonne.

Das Klappern musste nun doch weg sein.

Enttäuscht stellte ich meinen Wagen wieder unter den Carport. Der Innenraum war zwar nun schön aufgeräumt, durchgesaugt und vom Staub befreit – doch das Klappern blieb. Kaum war ich wieder auf dem Plattenweg vor dem Haus unterwegs, kam dieses nervtötende Geräusch wieder. Verzweifelt schaute ich meinen kleinen Plüsch-Igel an, der mir mal als Glücksbringer für lange Touren geschenkt wurde. Kurz überlegte ich, ihn in die Hand zu nehmen und zu schütteln, aber ich ließ es doch lieber bleiben. Igel klappern nicht.

Als letzte Maßnahme – es wurde auch schon dunkel – bewaffnete ich mich mit einer Taschenlampe und krabbelte durchs Auto, um dieses Geräusch zu finden, dass mich ähnlich nervte wie viele Schlager. Gegen alle möglichen Verkleidungsteile klopfte ich, verschob die Sitze, wühlte das frisch sortierte Handschuhfach und die Türtaschen noch einmal durch – doch ich fand nichts. Enttäuscht ließ ich mich auf den Beifahrersitz plumpsen. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Da war das Klappern wieder! Verwirrt schaute ich nach unten – und musste so lautstark lachen, dass selbst der Plüschigel verwirrt schaute. Vorsichtig fummelte ich am Gurtschloss – und zog eine glänzende Cent-Münze dort heraus. Kurz fragte ich mich, wie die Münze dorthin kam, doch freute mich viel mehr, dass das Klappern endlich weg war.


Als ich einer Freundin von meinem Cent-Fund berichtete, meinte sie nur strahlend:

„Na, das war bestimmt ein Glückscent!“

Na, dann? Ich lasse mich überraschen.

Über LarsDithmarschen

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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