Wasabröd und Köttbullar

Noch mehr schwedische Klischees gehen ohne Pippi Langstrumpf fast gar nicht, oder?Okay – Billy Regal hätte wohl noch gepasst, aber egal. Ich war auf einem Volvo-Treffen!

Marken-Treffen fand ich bisher immer komisch.

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie sowas abläuft. Vor meinem inneren Auge sah ich immer nur einen Haufen baugleicher Autos und daneben Besitzer, die nur über ihre Marke und die dazugehörigen Autos sprechen können und sich die Merkmale eines bestimmten Modelljahrs oder Fahrgestellnummern um die Ohren werfen. Und auch wenn ich nicht bestreiten kann, dass ich echt viel unnützes Auto-Wissen in mir herumtrage, waren mir solche Gespräche eigentlich immer eher suspekt. Genauso wie Marken-Clubs, die sich rein auf eine Marke fixieren. Es gibt viele schöne Autos da draußen – und welche Marke auf dem Kofferraumdeckel steht, ist mir egal, solange ich das Auto mag.

Als ich vor zwei Wochen aber von Carsten auf der Instagram-Seite von Watt’n Schrauber (Kennt ihr etwa noch nicht? Schaut doch mal! Ganz viele Hashtags!) gefragt wurde, ob ich nicht auch zum Volvo-Treffen am Wildtierpark Eekholt vom Volvo-Stammtisch Schleswig-Holstein kommen wollen würde, dachte ich mir nur: „Warum eigentlich nicht?“ Seit Corona die Welt im Griff hat, sind unheimlich viele Treffen ausgefallen, außerdem war Sonntag und ich hatte nichts vor. Elsa war einsatzbereit (dachte ich), sauber und musste nur einmal getankt werden. Dachte ich. Und so kam es, dass ich am Sonntagmorgen vor zwei Woche in die Garage zu meiner alten Schwedin ging, um noch einmal tanken zu fahren. Dann wollte ich nur noch einmal kurz meine Kamera holen, die noch aufladen musste – und dann auf nach Eekholt.

Nur Elsa hatte keine Lust.

Ich weiß auch nicht, was in letzter Zeit los ist. Seit ich im Homeoffice arbeite und nicht mehr so viel mit meinen Autos unterwegs bin, gehen die Dinger andauernd kaputt. Naja, nicht alle – aber Elsa. Elsa scheint irgendwie beleidigt zu sein. Denn kaum stand ich an der Zapfsäule und ließ das Premium-Benzin in ihren Tank gluggern, sah ich, wie sich hinten unter dem Tank wieder ein paar Tropfen auf dem Boden versammelten. Eingefleischte Leser wissen jetzt wahrscheinlich schon, was passiert war. Genau. Der Überlauf vom Tank war undicht geworden. Wie erst vor ein paar Wochen. Ich hatte die Schnauze so gestrichen voll, dass ich mit tropfendem Tank (Es war nur wenig, keine Sorge) nach Hause fuhr und Elsa in die Garage stellte.

Ich wollte mir das Treffen von der divenhaften Elsa aber nicht versauen lassen. Der Tank meines V40 war zwar auch fast leer, dafür war der Kombi aber sauber und geht mit ganz viel Augenzukneifen auch schon als Youngtimer durch. 18 Jahre ist der Volvo, der mein erstes, eigenes Auto gewesen ist, inzwischen auch schon alt. Und V40 im Jahreswagen-Zustand sind auch nicht mehr an jedem Straßenrand zu finden. So setzte ich mich also in den Ledersessel, auf dem ich schon mehr als 100 000 Kilometer verbracht habe, startete den Motor und legte einen Gang ein. Das Ziel? Der Wildpark Eekholt, irgendwo mitten in Schleswig-Holstein, aber trotzdem am Ende der Welt. Für mich bedeutete das konkret: Ein bisschen Autobahn, ganz viel Landstraße. Mit Treckern, Lastwagen und Rentnern, die schauen, wie das Gras auf der Wiese wächst.

Heja Viking!

Nach fast zwei Stunden Fahrt begrüßte mich dann der Anblick, wie man ihn wohl nur zu Hochzeiten in Göteborg sehen konnte. Hunderte von alten Volvos standen aufgereiht nebeneinander, während ich mich leise mit meinem V40 dazu mogelte. Wisst ihr – so beliebt sind niederländische Volvos wie mein Kombi bei echten Volvo-Fans nicht. Weil die zusammen mit einem Mitsubishi vom Band liefen und keine Fünfzylinder haben. Oder nicht so eckig sind wie ein Kastenbrot – oder warum auch immer. Denn passt man ein bisschen auf den Rost auf, sind späte Exemplare durchaus zuverlässige Autos. Aber egal. Ich parke meinen Kombi in die hinterste Ecke des Parkplatzes und stieg aus. Lauter alte Schweden, das muss man echt erst einmal auf sich wirken lassen.

Das erste Auto, das mir ins Auge fiel, war aber nicht der orangefarbene P1800 ES, der in der Reihe gegenüber parkte. Es war nicht einmal ein Old- oder ein Youngtimer. Es war ein silbergrauer Volvo V70 D5 AWD mit dunkelgrauen Felgen – einer der letzten Volvo V70, die gebaut wurden. Aber nicht deshalb war mir der Kombi ins Auge gefallen. Ich war mir ziemlich sicher, dass mein Onkel, der mich überhaupt erst auf schwedische Autos gebracht hat, der Erstbesitzer dieses Volvos war. Und nach einem kurzen Gespräch mit dem jetzigen Besitzer kam tatsächlich heraus, dass das der Ex-Volvo meines Onkels war. Lustig, wie man einige Fahrzeuge nach ein paar Jahren so wiedertrifft. Ich schickte meinem Onkel eine kurze WhatsApp-Nachricht mit einem Bild, die dank des nicht vorhandenen Netzes in Eekholt erst viel später abgeschickt wurde und schaute mir die restlichen Volvos an.

Ganz anders, als gedacht.

Es mir fiel recht schnell auf, als ich durch die Reihen von Autos schlenderte. Ich hatte wohl Vorurteile über Markentreffen. Hier wurden Witze gerissen, dort wurde gelacht – natürlich alles mit den passenden Corona-Vorsichtsmaßnahmen, versteht sich. Die wurden von den Veranstaltern wirklich gut eingehalten, als Begrüßungsgeschenk gab es auch ein kleines Fläschchen Desinfektionsgel. Auch die Autos waren nicht nur polierte Sammlerstücke. Hier konnte man tatsächlich sehen, wie ein stark patinierter Volvo 145 neben einem museumsreifen Volvo 765 mit DIN-Kennzeichen stand. Und keiner nölte den anderen an. Das hätte ich nicht erwartet. Aber genau das zeigt eigentlich mal wieder, warum ich das Hobby und auch alte Autos so gerne mag. Jeder Besitzer verbindet eine Geschichte mit seinem Auto – und jedes Auto erzählt Geschichte. Alle Autos sind ja einmal als Neuwagen vom Band gelaufen, doch erst die Menschen ihre Geschichten haben das Auto zu dem gemacht, was es heute ist. Ein Unikat. Jedes Auto für sich.

Das bestätigten auch noch einmal die Autos der Hanseatischen 240er-Bande, die ich an dieser Stelle alle noch einmal recht herzlich grüßen möchte! Hat mich wirklich gefreut, euch wiederzusehen oder euch kennenzulernen – und ich verspreche, demnächst häufiger mal wieder an der Oldtimer Tankstelle zu sein. Neben vielen Redblocks und Fünfzylindern gab es erstaunlich viele Sechszylinder-Volvos zu sehen. Anscheinend sind die doch zuverlässiger, als man denkt. Und falls ihr das jetzt nicht versteht, dann fragt mal meine Freunde Jürgen und Michael. Die beiden hatten nur Pech mit ihren Autos. Liegt bestimmt nur an der Farbe. Richtig gefreut habe ich mich auch über die 480er Volvos, die ich unheimlich spacig finde. Noch seltener dürfte inzwischen aber der frühe Volvo 440 gewesen sein, den ich leider vergessen habe zu fotografieren. Früher fand ich die unheimlich hässlich – inzwischen sind die aber ganz gut gereift.

Und er läuft und läuft und läuft…

Fast hätte ich übersehen, dass sich noch ein zweiter V40 auf den Platz geschmuggelt hatte, weil er neben meinem Favoriten auf dem Platz stand. Ein abgerockter Volvo P220, besser bekannt als Amazon Kombi. Er erinnerte ein bisschen an einen Polo Harlekin, weil gefühlt jedes Karosserieteil eine andere Farbe hatte. Aber irgendwie fand ich das cool. Der Wagen zeigte, dass er schon was erlebt hätte. Ein kurzer Plausch mit einem netten Herrn, der den Volvo daneben besaß, brachte dann auch ans Tageslicht, dass der Amazon Kombi schon weit über eine Million Kilometer auf der Uhr hatte. Eine Million Kilometer. Und die meisten Leute machen sich Sorgen, wenn der Kilometerstand ihres Autos auf die 100 000 zugeht. Der alte Schwede hat seinen Besitzer schon nach Afrika und an den Nordkap begleitet. Aber was soll an den alten Dingern auch schon kaputtgehen? Die Spritschläuche vielleicht…

Irgendwann wurde es recht kalt – passenderweise musste ich sowieso los. Ich verabschiedete mich von allen, setze mich in meinen Elchen und rollte los. Seit ich mir vor fünf Jahren ein anderes Alltagsauto gekauft habe, benutze ich den schwarzen Kombi gar nicht mehr so viel. Doch irgendwie mag ich mich einfach nicht von ihm trennen. Zu viele Geschichten und Erinnerungen hängen an dem Auto. Umso mehr ärgert es mich, dass ich kein richtiges Foto von ihm auf dem Treffen gemacht habe. Nur ein verwackeltes Hochkant-Foto ist zu sehen, wie er von anderen Besuchern des Treffens ignoriert wird. Aber das macht mir nichts – er ist meiner und ich mag ihn. Und das ist das wichtigste. Mal sehen, ob er nächstes Jahr wieder auf das Treffen mitkommt oder ob Elsa sich bis dahin beruhigt hat. Auf jeden Fall werde ich wieder hinfahren. Markentreffen sind nämlich ganz anders, als ich dachte. Alles war super organisiert und die Leute wirklich schwer in Ordnung. Oder wie sagt man es  in Norddeutschland doch so schön, wenn es einem gut gefallen hat?

„Irgendwie nett da!“ Passt. Und zwar so richtig.

Über Watt'n Schrauber

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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2 Antworten zu Wasabröd und Köttbullar

  1. Super tolle Geschichte. Ja, das Treffen hat mir auch sehr viel Spaß gemacht und ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Du meinen Aufruf gefolgt bist. Hinterher hatte ich mich auch gefragt, warum ich mir Deinen V40 nicht mal zeigen lassen habe, denn die V40 finde ich persönlich auch ganz toll. Volvo ist halt Volvo, egal wo er gebaut wurde. Übrigens wurde der blaue Volvo 244, mit dem ich gekommen bin, auch in Belgien gebaut. Viele denken ja, die 200er Reihe kam nur aus Göteborg (Torslanda). Ne ne, stimmt nicht 😁. Würde mich freuen, Dich bald wieder zu sehen. Ob nun beim Markentreffen oder an der Oldtimer-Tankstelle in Hamburg (egal ob nun mit Elsa oder dem V40 ☺️).

    LG Carsten

    • Watt'n Schrauber sagt:

      Hey Carsten,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Das Treffen war wirklich schön und hat mich gefreut, dich einmal live kennenzulernen. Wir werden uns bestimmt bald einmal wiedersehen – ob beim Markentreffen, an der Oldi-Tanke oder einfach mal so – das kriegen wir hin! 🙂

      Schöne Grüße
      Lars

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