Dankbarkeit

Es ist Heiligabend und ich habe wieder eine kleine Weihnachtsgeschichte für euch.Heute nehme ich euch mit in meine Garage. Die musste ich wirklich dringend aufräumen.

Mit einem lauten Knall fällt das Tor zu.

Es ist der Morgen des Heiligabends 2021. Überall scheint der Weihnachtsstress seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Geschäfte quellen über mit Leuten, die überrascht sind, dass nun schon Weihnachten ist und sie ja noch dringend das Weihnachtsessen oder Geschenke kaufen müssen. Selbst draußen vor meiner Garage wuselt alles durch die Gegend. Meine Schrauberhühner rannten eben wie aufgescheucht mit Mistelzweigen und Girlanden im Schnabel in ihrem Stall umher, als ich ihnen nur kurz Futter hinwarf. Meine Schrauberkatze Blacky streitet sich noch mit Janosch, dem Kater meiner Eltern, wer denn nun dichter am Lichterbogen im Fenster sitzen darf und selbst mein Wohnzimmer wird ungewohnterweise emsig dekoriert. Mir war das alles viel zu viel Wühlerei. Und meine Garage wollte ich schon lange einmal aufräumen.

Stille. In meiner Garage herrscht absolute Stille. Seit das Tor im Mai nach vier Jahren endlich davor gebaut wurde, ist es hier in der Garage fast immer ganz still. Es wirkt fast so, als würden Elsa, Henkelmännchen, der Elch und die Mopeds ihren Winterschlaf hier halten. Wobei? Irgendwie tun sie das auch. Diese Stille herrschte aber auch schon im Sommer. Immer, wenn ich einen langen Tag hatte, bin ich in meine Garage gestiefelt und habe mich einfach nur hingesetzt. Manchmal mit Musik, wenn ich Ruhe haben wollte, aber auch ganz einfach ohne. Es hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber irgendwie bekomme ich so meinen Kopf frei. Andere legen sich für eine Woche an den Strand und braten sich krebsrot, ich setze mich abends für eine halbe Stunde in meine Garage, genieße den Traum, der mir damit in Erfüllung gegangen bin und bin einfach nur dankbar. Dankbar sein tut gut.

Will man was schaffen, muss man es machen.

Doch in letzter Zeit fiel es mir immer schwerer, mich nur kurz einmal in die Garage zu setzen. Das lag nicht etwa an den winterlichen Temperaturen (Ich habe eine Jacke) oder daran, dass ich zu wenig Zeit hatte – meine Garage war einfach viel zu vollgemüllt. All die Sachen, mit denen ich im letzten halben Jahr nicht viel anfangen konnte, habe ich „nur einmal kurz“ in die Garage gestellt. Irgendwo hier liegen noch die Desinfektionstücher vom Watt’n Törn, der alte Kühlerlüfter von Elsa und ein Karton mit Ersatzteilen für Hein. Und eigentlich steht hier auch eigentlich ein Sofa, auf das man sich ganz wunderbar hinlümmeln kann – wenn man denn drankommt. Oder es überhaupt sehen kann. Ich muss also endlich mal aufräumen. Vielleicht eigentlich nicht unbedingt eine Aufgabe für den Heiligabend, aber es ist ja noch Heiligmorgen. Und hier stehe ich niemandem im Weg herum und nerve niemanden.

Mit der Zündapp und der Hercules fange ich an. Die stehen vor dem großen Haufen aus wohl so unheimlich wichtigen Dingen, von dem ich gar nicht so genau weiß, was da eigentlich drin ist. Ich nehme mir erst die Zündapp und dann die Hercules und stelle sie auf die Rampen meiner Hebebühne. Noch einer meiner Träume, die ich mir in diesem Jahr erfüllt habe. Es ist mir schon irgendwie peinlich, darüber zu reden, aber auf die Hebebühne habe ich echt viele, viele Jahre gespart und habe den Kauf bisher auch noch keine Sekunde bereut. Es ist irgendwie viel schöner, sich nach langem Warten und Sparen endlich einen Traum zu erfüllen, den man schon lange in sich trug. Irgendwie macht es zufrieden und man ist – da ist es wieder – dankbar dafür. Zumindest geht es mir so. Direkt hinter den Mopeds steht eine blaue Plastikkiste. Darauf liegt eine Decke, die beim letzten Strandausflug etwas sandig geworden ist und die ich schon lange auswaschen wollte.

Watt’n schöner Tach!

Ich nehme die Decke von der Kiste. Es ist die Kiste mit all den Desinfektionstüchern und den Desinfektionsmittelspendern, die für meine kleine Ausfahrt „Watt’n Törn“ gekauft habe. Seit August liegen sie hier. Eigentlich hätte ich sie schon lange aufbrauchen können. Stattdessen… habe ich sie vergessen und neue gekauft. Egal. Zumindest die Ausfahrt habe ich dieses Jahr nicht vergessen, denn das war tatsächlich einer der schönsten Tage in diesem Jahr für mich. Ein Tag mit alten Autos, tollem Essen und Leuten, die das Herz am rechten Fleck haben. Es sagten vorher zwar einige ab, weil ihnen mein Hygienekonzept zu streng war und sie sich nicht testen lassen wollten, aber das machte gar nichts. Wir hatten alle gute Laune, passten aufeinander auf und genossen die Stunden zusammen. Es war ein wirklich schöner Tag, für den ich bis heute sehr dankbar bin. Ihr habt es wohl schon erraten.

Ich stelle die blaue Kiste erst einmal neben meinen V40 ab und seufze kurz. Wahrscheinlich geht euch Corona inzwischen genauso auf den Keks wie mir. Ich habe auf einige Dinge wegen Corona in diesem und auch im letzten Jahr verzichtet. Vielleicht werdet ihr nun denken: „Der hat ja selber schuld!“ – aber ich bereue tatsächlich nichts. Es gibt so viele Leute, dieses Jahr kein schönes Weihnachtsfest haben werden. Vielleicht haben sie durch die Pandemie ihren Job verloren? Oder sie haben ein Familienmitglied oder jemanden aus dem Freundeskreis an Covid verloren? Vielleicht geht es ihnen auch psychisch nicht mehr gut, weil sie sich endlich wieder Normalität wünschen. Meiner Familie, meinen engsten Freunden und mir geht es zum Glück gut. Und das ist für mich tatsächlich das größte Weihnachtsgeschenk. All der Mist, der in meiner Garage steht, ist zwar nice to have und ich hänge auch wirklich dran, aber mit ins Grab nehmen kann ich davon gar nichts. Nichts ist so wichtig wie die Gesundheit.

Ich schaue aus dem Fenster.

Blacky jagt Janosch fauchend durch den Garten. Beide verlieren dabei ihre Weihnachtsmützen, die sie vorhin noch freudig miauend aufgesetzt hatten. Anscheinend hat Janosch wieder Unfug angestellt. Nicht einmal an Weihnachten kann das Schlitzohr damit aufhören. Unter einem Haufen leerer Pappkartons (Warum habe ich die eigentlich?!) finde ich auch mein Sofa wieder. Ich schaufel mir eine kleine Stelle frei und setze mich hin. Das Lederimitat ist kälter, als ich dachte. Aber draußen schneit es, also hätte ich wohl drauf kommen müssen, dass das Sofa kälter ist als gedacht. Ich schaue in der Garage umher. Es gibt Leute, die wollen immer mehr und immer mehr und sind deshalb nie zufrieden. Aber ich bin wirklich zufrieden mit dem, was ich habe und auch dankbar (Ja, ich weiß, es nervt euch wohl schon) dafür. Natürlich habe ich noch Träume und das ist auch richtig so, aber man muss sich manchmal einfach vor Augen führen, was man hat.

Ich hoffe, dass es auch euch und euren Lieben gut geht und ihr in diesen Tagen ein bisschen dankbar dafür seid. Seid nicht böse, wenn ihr vielleicht gerade nicht in den Urlaub kommt oder ihr nicht alle Leute besuchen könnt, die ihr gerne sehen würdet. Es geht uns allen ja so – und nur, wenn wir an einem Strang ziehen, kommen wir da durch. Ich glaube, ich werde das Aufräumen ein wenig verschieben und die Zeit nun doch lieber mit den Menschen verbringen, die ich liebe. Weihnachtsstress und Deko-Chaos hin oder her. Ich muss ja schließlich auch noch alle Weihnachtsgeschenke verpacken. In Alufolie oder so. Das Schloss klickt zwei Mal, die Garage ist abgeschlossen. Aufräumen kann warten, es gibt nun Wichtigeres.

Ich wünsche euch fröhliche Weihnachten!

Über Watt'n Schrauber

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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4 Antworten zu Dankbarkeit

  1. Christoph Hain sagt:

    Dur hast recht! Dir auch ein schönes Fest und hoffentlich sieht man sich bald mal wieder.

    • Watt'n Schrauber sagt:

      Hey Christoph,
      das hoffe ich auch! Vielleicht schaffe ich es 2022 einmal mit Hein nach Stuttgart 🙂

      Ich wünsche dir einen guten Rutsch!
      Schöne Grüße
      Lars

  2. dieter sagt:

    Wieder eine sehr schöne Geschichte Lars, sprichst mir aus der Seele und auch das aufräumen in der Werke ist so ne Sache…………..

    Wünsche dir ebenfalls, wenn auch verspätet schöne Weihnachten

    Grüße aus dem tiefen Süden !

    dieter

    • Watt'n Schrauber sagt:

      Vielen, lieben Dank, Dieter! Freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat. Inzwischen ist die Garage sogar aufgeräumt 😉

      Ich wünsche dir einen guten Rutsch!

      Schöne Grüße aus dem hohen Norden
      Lars

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