Entdeckt: MG ZT-T 190 – Der Earl-Grey-Express

Der dritte Teil meiner kleinen Blogreihe „Entdeckt“. Wieder ist es ein blauer Engländer. Doch dieses Mal ein etwas sportlicheres Exemplar. Ich hätte fast schwach werden können.

Nun gebt es doch schon zu.

Wenn ihr Old- oder Youngtimer auch nur ein bisschen mögt, dann schaut ihr garantiert doch auch alten Autos hinterher, die euch im Straßenverkehr oder auf einem Parkplatz begegnen. Oder liege ich da nun so falsch? Genau. Mir geht es genauso. Schon oft habe ich am Straßenrand oder bei Gebrauchtwagenhändler seltene oder ungewöhnliche Autos entdeckt, die eigentlich so gut wie komplett aus dem Straßenbild verschwunden sind oder eigentlich nur noch als Oldtimer verhätschelt und nicht als Alltagsauto verwendet werden. Und genau diesen Autos möchte ich mit dieser kleinen Blogreihe einen Platz im Internet schaffen. Wahrscheinlich werdet ihr hier deshalb auch keinen 124er Mercedes und keinen Golf II entdecken, wenn sie nicht gerade irgendetwas besonderes an sich haben. Autos ohne Lobby, vom Leben gezeichnete Klassiker oder saubere Survivor – denen möchte ich hier ein kleines Denkmal setzen. Es gibt eindeutig Wichtigeres im Leben, es bringt mir aber Spaß. Und euch hoffentlich auch.

Jaa, ich weiß. Wenn ihr das Auto auf den Bildern seht, dann denkt ihr bestimmt, dass das eigentlich noch ein Neuwagen ist und der in einer Blogreihe über Old-und Youngtimer eigentlich noch gar nichts zu suchen hat. Wahrscheinlich könnte man es euch auch schonender beibringen – aber mir fällt gerade nix ein, deshalb hier nun einfach mal die Wahrheit: Ja, der blaue Kombi da auf dem Bild kann schon zwanzig Jahre alt sein. Zwischen 2001 und 2005 wurde der MG ZT gebaut – und war auch schon als Neuwagen nicht gerade ein Massenprodukt. Deshalb habe ich meinen Kombi auch sofort an den Straßenrand gelenkt, als ich dieses Exemplar bei einem Händler stehen sah. Vielleicht ist er noch nicht ganz im Youngtimer-Alter angekommen – aber ein Klassiker der Zukunft ist der Express-Engländer auf alle Fälle. Ihr kennt das Auto gar nicht? Na, das müssen wir wohl einmal ändern!

Nix „British Elend“

Ich weiß, dass die ersten schon „British Elend“ getippt, bevor sie überhaupt diesen kleinen Artikel gelesen haben. Zumindest passierte das recht häufig beim Rover 213 S, den ich euch vor einigen Monaten zeigte. Auch wenn der kleine Stufenheck-Rover dank der Honda-Technik eigentlich sehr zuverlässig war, scheint der schlechte Ruf der British-Leyland-Produkte bis heute an ihm zu kleben. Und wahrscheinlich wird es auch dem MG ZT so gehen. Obwohl – so wirklich viel hat der mit British Leyland eigentlich gar nicht mehr zu tun. Der MG ZT basierte nämlich auf dem Rover 75 – eine Limousine der oberen Mittelklasse, die 1998 auf den Markt kam. Und zu der Zeit war British Leyland schon lange Geschichte. Seit 1994 gehörte Rover (und auch MG, Rolls Royce und Land Rover) zu einem deutschen Automobil-Hersteller – nämlich zu BMW.

Wenn ihr auf diese Geschichte gestoßen seid, findet ihr den MG ZT-T 190 (genauso wie ich) bestimmt irgendwie interessant. Wenn das tatsächlich der Fall ist, dann holt euch jetzt noch schnell etwas zu knabbern und setzt euch gemütlich hin. Denn die Geschichte des Rover 75 und seiner MG genannten Geschwister ist durchaus… chaotisch. Aber interessant chaotisch, so wie es wohl bei keinem anderen Auto der letzten 25 Jahre der Fall ist. Aber lasst mich mal ganz von vorne beginnen.

Wir schreiben das Jahr 1994

Der Autohersteller Rover war gerade von BMW übernommen worden und musste zum ersten Mal seit wirklich langer Zeit nicht mehr auf die Kosten bei der Entwicklung eines Autos achten. Der kleine Rover 200 stand kurz vor der Vollendung und auch der Kompakte Rover 400 (Noch auf Honda-Basis) war fast fertig – und so entschied sich Rover dazu, Nachfolger für die Flagschiffe in Angriff zu nehmen. Der Rover 800 war schon mächtig in die Jahre gekommen, genauso die Coupe-Version. Und auch der Rover 600 war BMW ein Dorn im Auge. Wie so viele Rover auf der Zeit basierte er nämlich noch auf Honda-Technik und das sollte in Zukunft nicht mehr so sein. Doch selbst BMW hatte nicht genug Budget, um drei Autos zu entwickeln – und so entschied sich Rover dafür, alle drei Modelle durch eines zu ersetzen. Der Projektname „Isis“ ist nach heutiger Sicht wohl eher unglücklich gewählt, auch wenn damals nur eine ägyptische Göttin so hieß. Später erhielt das Projekt den Namen „RD1“.

Relativ schnell stand fest, dass der neue Wagen den 1,8-Liter-Benziner der K-Serie von Rover bekommen sollte, zusätzlichen standen auch noch zwei neue „KV6“-Sechszylinder-Benziner und zwei BMW-Diesel zur Auswahl. Beim Styling machte man es so wie bei dem Mini, an dessen Nachfolger man dort zeitgleich arbeitete: Es sollte ein Auto werden, das an „die gute, alte Zeit“ erinnerte. Ein Retrodesign mit fließenden Formen, vielen Chrom-Akzenten und – typisch Britisch – viel Leder und Holz im Innenraum. Doch schon während der Entwicklung begann es zwischen BMW und Rover zu kriseln. So war BMW anscheinend recht verwundert, als Rover einen Kardantunnel (zur Versteifung der Karosserie) in einen Wagen konstruierte, der als Fronttriebler entwickelt wurde. Aber auch beim Fahrwerk und vielen anderen Details gab es Meinungsverschiedenheiten zwischen Rover und BMW.

Kein satter Start

Doch viel schlimmer war die Meinungsverschiedenheit zwischen BMW und dem britischen Parlament. BMW hoffte auf Zuschüsse für die Modernisierung der Werke in Longbridge und Cowley. Das britische Parlament hatte aber eher weniger Lust darauf – und so ließ der damalige Vorstand von BMW, Bernd Pischetsrieder, bei der Vorstellung des Rover 75 seinem Unmut freien Lauf und sprach von einer düsteren Zukunft bei Rover, wenn nicht bald etwas passieren würde. Und was passierte? Obwohl der Rover 75 für seine hohe Qualität und sein Fahrverhalten gelobt wurde, kaufte ihn kaum jemand, weil alle der Meinung waren, Rover wäre in einer Krise. Und so kam es dann irgendwann, dass BMW sich von Rover für den Preis von 10 Britischen Pfund trennte und die Fließbänder des Rover 75 von Cowley nach Longbridge umziehen mussten. Das war übrigens gar nicht so schlimm, denn die Qualität der Fahrzeuge wurde danach nur noch besser.

Auch die Verkaufszahlen hatten sich erholt. Doch trotzdem war der 75, der zwischenzeitlich auch als Kombi herausgebracht wurde, eher ein „Altherren-Auto“. Während beim Mini das Retro-Design gut ankam, wünschten sich viele Käufer der oberen Mittelklasse eher sportliche Autos wie einen BMW M5 oder einen Audi RS6. Und Rover reagierte: Die komplette Modellpalette wurde etwas gedopt und neben den herkömmlichen Rover-Modellen gab es sie nun auch als sportliche MG. Der Rover 75 wurde zum MG ZT, die Kombiversion wie hier wurde MG ZT-T genannt. Von außen sahen sie deutlich sportlicher aus und sie erhielten auch andere Bremsen und ein optimiertes Fahrwerk: Nur die Motoren blieben unangetastet. Bis ein Motor von Ford ins Spiel kam…

Britisch-amerikanischer Expresskombi

Keine Ahnung, ob die Entwickler bei Rover es damals schon im Hinterkopf hatten, aber zumindest bekam der Kardantunnel doch noch eine tolle Aufgabe: Irgendwann entschied man sich in Longbridge, den 4,6 Liter-V8-Motor des Ford Mustang in den MG ZT zu pflanzen – und tat es dann einfach auch. MG ZT 260 hieß das gute Stück, leistete 260 PS und schaffte es, den Wagen in knapp unter 7 Sekunden von 0 auf 100 zu beschleunigen. Und er hatte Heckantrieb, doch das sah man von außen gar nicht. Das einzige optische Merkmal: Im Gegensatz zu den anderen Varianten hatte der ZT 260 vier Endrohre. Ein echter Wolf im Schafspelz. Konstruiert wurde der ZT 260 von der Ingenieursfirma „Prodrive“ – Motorsportfans sollte der Name ein Begriff sein.

Der blaue ZT-T, den ich am Straßenrand entdeckte, war kein ZT-T 260. Es war „nur“ die Sechszylinder-Version ZT-T mit 190 Pferden unter der Haube – auch das sollte flott genug sein. Um die 180 000 Kilometer hatte er gelaufen und sollte knapp über 3000 Euro kosten. Vom Zustand her sah der auch wirklich noch toll aus – und kurz war ich auch wirklich am überlegen. Aber ich habe genug Autos und bin vernünftig geblieben. Ich bin mir sicher, dass ich das in einigen Jahren bereuen werde – denn momentan sind gerade einmal neun MG ZT bei Mobile inseriert. Richtig gelesen. Neun. Und davon ist immerhin einer eine V8-Version. Ich bin mir sicher, dass der MG in den nächsten Jahren zu einem Liebhaberfahrzeug wird – oder es sogar schon ist. Ich weiß, dass die K-Serien Probleme mit der Kopfdichtung haben und die Diesel Ärger mit den Luftmassenmessern machen – aber hey: Exklusiver kann man kaum fahren.

Der blaue MG hier scheint mir wieder bei einem Liebhaber gelandet zu sein. Gestern fuhr er mir über den Weg. Frisch gewaschen und das MG stand auch stolz im Kennzeichen.

Ich wünsche dem Besitzer eine gute Fahrt!

Über Watt'n Schrauber

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
Dieser Beitrag wurde unter Entdeckt: Sichtungen am Straßenrand abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.