Feuer in fünf Töpfen

Heute möchte ich euch ein Auto vorstellen, das fast niemand mehr auf dem Schirm hat. Oder wann habt ihr das letzte Mal bewusst einen Fiat Marea Weekend gesehen?

Kurz da und schon wieder weg.

Es gibt irgendwie so Autos, die hat man gar nicht so wirklich auf dem Zettel. Sie kommen auf den Markt, werden (von Autofreaks ungeachtet) ein paar Jahre gefahren und verschwinden dann plötzlich komplett aus dem Straßenbild. Von einem Tag auf den anderen. Es fallen mir da einige Exemplare ein. Wann habt ihr den letzten Mazda Demio gesehen? Das ist bestimmt schon eine Zeit her. Auch die erste Generation des Ford Ka ist langsam fast komplett verschwunden. Und die erste Generation des VW Sharan? Fast wie vom Erdboden verschluckt. Wahrscheinlich sind die Autos einfach aufgebraucht und irgendwann ersetzt oder weggeschmissen worden. Kein Autofreak wollte sich einen sichern, weil sie nicht spannend, nicht schnell oder nicht hübsch genug waren.

Und wahrscheinlich ereilte das Schicksal auch den Fiat Marea Weekend. Kennt ihr gar nicht? Das ist das Auto hier auf den Bildern und das Auto, das ich euch heute vorstellen möchte. 1996 brachte Fiat den Marea als Nachfolger für den Tempra auf den Markt. Zwei Karosserieversionen gab es: Einmal eine etwas biedere Stufenheck-Limousine und einen praktischen Kombi, der Weekend genannt wurde. Einen ganz besonderen Partytrick erbte der Marea von seinen Vorgängern: die umklappbare Heckstoßstange. Dadurch lassen sich nicht nur Getränkekisten leichter einladen – wenn es am Weekend ins Grüne geht, hat man auch gleich eine Bank dabei. Wie bei einem Range Rover, nur etwas niedriger und etwas weniger Earl Grey. Mehr so Espresso.

Sport-Laster

Der Marea basierte auf dem Fiat Bravo, der 1996 zum Auto des Jahres gewählt wurde. Besonders die sportliche und doch leicht aggressive Front hat der Kombi von seiner kompakten Verwandtschaft geerbt. Leider nicht das Heck. Ich weiß, dass Geschmäcker verschieden sind – aber das Heck sieht schon irgendwie komisch aus. Es mag ja design-technisch mal ganz cool ausgesehen haben, dass der Kunststoff der Dachrelingsecken in die Rückleuchten übergeht – aber irgendwie kann ich mich mit den einzelnen Leuchtkammern nicht so ganz anfreuden. Aber die Rückleuchten sind wohl nicht der Grund, warum der Marea heute fast verschwunden ist. Qualitativ waren es nicht die Blütejahre von Fiat – und als Exportauto war der Kombi auch sehr beliebt.

Die seltenste Motoren-Variante dürfte wohl der Fiat Marea 155 20V gewesen sein. Wer sich ein bisschen mit Technik auskennt, dürfte wohl schon vermuten, dass im Maschinenraum eines solchen Fiat ein Fünfzylinder mit 20 Ventilen steckte, der fast 155 Pferde Leistung brachte. Diese Konstellation wurde so tatsächlich nur von April 1999 bis Oktober 2000 gebaut, spätere Fünfzylinder entwickelten dank anderer Abgasnormen nur noch 150 PS. Doch wie es der Zufall so will, ist meinem Freund Jürgen vor ein paar Monaten die blaue (oder eher grüne) Mauritius unter den Mareas über den Weg gelaufen…

Wie die Jungfrau zum Kinde

Ich weiß nicht, wie Jürgen es immer macht. Irgendwie laufen ihm die Autos einfach immer zu. Eigentlich sollte der Marea von einem Freund von Jürgen für einen Carbage-Run genutzt werden. Doch als der ausfiel, kaufte Jürgen den Wagen einfach. Zwar wirkte der Fiat recht versifft und abgerockt, aber der sympathische Allgäuer erkannte, dass unter all dem Dreck, Schmutz und Gammel ein Auto mit guter Substanz steckte. Und mal ehrlich: Einen Fünfzylinder-Kombi mit 120 000 Kilometern, Klimaanlage, Velours-Ausstattung, Schiebedach und Alufelgen findet ihr für schmales Geld weder bei Volvo noch bei Audi. Und auch wenn Jürgen zu der Zeit schon zwei schwedische Fünfzylinder-Kombis besessen hat, konnte er dem Fiat nicht widerstehen. „Den verkauf ich wieder!“, meinte er damals zu mir.

Doch „Wisch und weg“ war beim Marea dann doch nicht der Fall. Schnell merkte Jürgen, warum die Vorbesitzer den Kombi abgegeben hatten: Es hatte sich über die Jahre ein gewisser Reparaturstau und eine ganze Menge Pfusch-Reparaturen angesammelt, die den grünen Kombi nicht mehr so zuverlässig sein ließen. Obwohl die letzte Hauptuntersuchung noch nicht lange her war, waren beide Federbeine vorne durchgerostet – und das war sicherlich nicht in den 1000 Kilometern seit der letzten Prüfung passiert. Und hier links könnt ihr die Schraube eines Querlenkers sehen, die schon… sagen wir mal… etwas müde waren. Jürgen baute neue Querlenker und Federbeine ein, erneuerte den Zahnriemen (Dafür muss beim Fünfzylinder eigentlich der Motor raus) und putzte ihn mal gründlich durch. „Jetzt läuft er super!“, schrieb er mir, als wir uns über seine Teilnahme beim diesjährigen Watt’n Törn unterhielten. Und dann platzte ihm bei mehr als 30 Grad während der Fahrt ein Kühlerschlauch. Die Ansaugbrücke war undicht geworden und hatte den Schlauch mit Öl porös gemacht. Doof das. Besonders kurz vorm Urlaub. Und auch wenn es „Fix it again, Toni!“ als Spruch gibt, ist da eher nicht die Marke dran schuld.

Test bestanden!

Nicht wirklich wissend, ob die Kopfdichtung den geplatzten Schlauch überlebt hat, fuhr Jürgen dann tatsächlich die rund tausend Kilometer zu mir an die Nordsee – und der Marea lief tatsächlich einwandfrei. Man kann wohl wirklich sagen, dass der Wagen von den Toten auferstanden ist. Insgesamt spulte Jürgen 3000 Kilometer mit dem Wagen ab, der sich wirklich keinerlei Ausfälle erlaubte. Nicht einmal einen Tropfen Öl hat der Wagen verbraucht. Auch ich durfte den Wagen auf einen kleinen Tagesausflug nach Dänemark und zurück bewegen. Und was soll ich sagen? Mir hat der Wagen schon verdammt gut gefallen. Der Wagen liegt sportlich auf der Straße, der Innenraum ist echt gemütlich und der Motorsound vom Fünfzylinder macht so richtig Lust auf mehr. „Ich lasse ihn gleich hier“, lästerte Jürgen. Und hätte ich ein wenig mehr Zeit, Platz und Geld, wäre ich wohl auch drauf eingegangen.

Aber ich weiß, dass Jürgen trotz der kleinen Ärgereien den Marea inzwischen echt lieb gewonnen hat und ihn wohl eigentlich gar nicht mehr loswerden möchte. Zumindest ist der Wagen – obwohl er eigentlich nach der Nordseereise verkauft werden sollte – inzwischen auf Sommersaison zugelassen. Und Jürgen spielt auch mit dem Gedanken, sich einen Schlacht-Marea zuzulegen, um ein originales Radio und ein paar andere Kleinigkeiten einzubauen. Und vielleicht denkt Jürgen auch schon ein bisschen an die Optik, obwohl der Innenraum mit grünen Sitzen und grünem Teppich schon super aussieht. Ich freue mich darüber, dass so ein seltenes, verkanntes aber schon geiles Auto vor dem Schrott gerettet wurde und Jürgen nun wohl noch viele Jahre gute Dienste leisten wird.

Achja! Falls du ihn mal nicht mehr haben magst, Jürgen… ähm…

Du hast ja meine Nummer.

Über Watt'n Schrauber

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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1 Antwort zu Feuer in fünf Töpfen

  1. Jürgen sagt:

    Hallo Lars,

    Du hast meinen Marea richtig gut beschrieben, dankeschön.

    Solange das Auto täglich benutzt wird, ist es kein Problem, alles läuft, alles flutscht. Aber wehe, der Marea steht nur einen einzigen Tag, zickt er rum – eine richtige Diva eben. Wohl ein Ferrari In Außergewöhnlicher Tarnung…
    Ich denke, er fordert einfach nur die Liebe ein, die ihm lange – sogar sehr lange – verwehrt wurde.

    Momentan erfreue ich mich an einem Frontscheibenwischer, der dann wischt, wenn ER will und nicht wenn ICH will. Aber auch diese Kleinigkeit bekommen wir hin. 😉

    Ja, Lars, schauen wir mal, wann wir uns einig werden mit dem Marea. Meine Nummer hast Du ja… 😀

    Viele Grüße
    Jürgen

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