Freundschaftspflege.

Freundschaften sollte man immer pflegen. Egal, ob zu Mensch, Tier oder Maschine. Wenn man aufmerksam genug ist, können Freundschaften dann auch echt ewig halten.

„Bloß keinen Golf!“

Ich kann mich noch recht gut daran erinnern, als ich vor knapp über sechs Jahren ein Gespräch mit meinen Eltern über die Wahl meines ersten Autos hatte. Ich war mir sicher – ich wollte etwas cooles haben. Alt und irgendwie schrullig. Am liebsten mit Chrom. Ein Volvo Amazon stand ganz oben auf der Liste. Auf meiner Liste. Meine Eltern wollten ihren Sohn ungerne in so einem alten Auto die erste Fahrpraxis sammeln sehen. Sie hatten einen Wagen mit tausend Airbags im Hinterkopf. Mit Knautschzone und ABS, mit richtigen Kopfstützen und Gurtstraffern. Das perfekte Auto, so dachten und erzählten sie, wäre doch ihr vier Jahre alter Golf Variant Diesel, den sie sowieso bald gegen einen neuen Passat eintauschen würden. Der wäre sparsam, sicher – und ein Golf. Genauso wie Henkelmännchen. Und den würde ich ja schließlich auch mögen. Ich glaube, meine Eltern haben bis heute nicht verstanden, warum ich ihnen den silbernen Golf nicht abkaufen wollte, aber mit einem ähnlich „langweiligen“ Volvo Kombi ohne Ende glücklich wurde.

Und dieser Volvo Kombi war auch Schuld, dass ich meinen roten Alltagsgolf zu Anfang nicht so mochte. Als ich mich dazu entschied, meine Wohnung in Hamburg wieder aufzugeben und das Leben eines Pendlers zu starten, musste ein Diesel her. Nachdem mir der Wertverlust bei jüngeren Gebrauchten einfach zu hoch war – schließlich sollte das Auto gut 50 000 Kilometer im Jahr fahren – entschied ich mich, mich nach einem älteren Diesel umzusehen. Nach relativ langer Recherche und Suche hatte ich zwei potentielle Kandidaten gefunden. Ein gelber Bora Variant und ein roter Golf Variant. Letzterer stand dichter an meinem Heimatort, also schaute ich ihn auch zuerst an. Der Wagen lief gut, der Preis fiel noch um einige hundert Euro – und so kaufte ich ihn einfach. Dass es ein Golf war, störte mich zwar etwas, aber als „Werkzeug“, so dachte ich mir, wäre es okay. Zwei Jahre wollte ich ihn fahren und dann einfach weg damit. An einen Golf könnte ich mich sowieso nicht gewöhnen.

Zweieinhalb Jahre später.

Menschen ändern sich. Und Meinungen auch. Hätte man mir beim Kauf gesagt, dass ich einmal extra sorgfältig mit dem Wagen umgehe und ihm vorsorglich und für ein gutes Bauchgefühl neue Teile einbaue – ich glaube, ich hätte der Person einen Vogel gezeigt. Doch nun kam es wirklich so. Als ich merkte, dass der Wagen nach fast dreihunderttausend Kilometern eine Kur brauchte, überlegte ich gar nicht lange und kaufte Teile. Der Pumpe-Düse-Kabelbaum wurde (ganz romantisch) recht schnell nach dem Kauf ersetzt – und als sich „Harald“ danach noch besser anstellte als vorher (besserer Anzug, ruhigerer Lauf, noch weiter sinkender Verbrauch), wollte ich auch die restlichen Baustellen abarbeiten.

Lass doch mal das Jauchzen sein.

Eine dieser Baustellen war das Quietschen der hinteren Bremsanlage. Es ist nicht so, dass der Wagen keine Bremswirkung mehr hatte – aber bei jedem Bremsvorgang für einen Quietschton (der sich aber irgendwie freundlich anhörte… ich glaube, Harald fand das ganz lustig), der Fußgänger taub werden und Scheiben bersten ließ, wurde mir doch irgendwann unangenehm. Meine Vermutung, dass die Bremsbeläge hinten einfach fast abgefahren waren, stellte sich schnell als falsch heraus. Der Grund für das Quietschen war ein ganz anderer: Die Beläge waren in ihren Führungen festgegammelt. Die Kur begann also mit einer kleinen Fingerübung. Sättel ab, Beläge raus, alles sauber machen, mit Bremsenpaste alles zusammensetzen – und fertig. Seitdem ist die Zahl der Ohrenarztbesuche entlang meiner Pendelstrecke drastisch gesunken.

Die Sache mit dem Radlager zog sich deutlich länger…

Wahrscheinlich würdet ihr mir nicht glauben, dass ich an „Harald“ gearbeitet habe, wenn irgendetwas nicht nach Plan laufen würde. Nachdem auch der Querlenker- und Koppelstangentausch mal eben zwischen Ölwechsel und Auspuffhalterschweißen gemacht war (Keine einzige Schraube war festgerostet!), ging ich auch frohen Mutes an den Wechsel des Radlagers. Das ist zwar beim Golf IV ein bisschen mehr Aufwand, aber mit Werkstattpresse, einem neuen Radlager, Geduld und Tipps von meinem besten Kumpel und Lehrmeister Jürgen ausgerüstet, sah ich mich für den Wechsel als gut vorbereitet an. Doch schon beim Losschrauben des Bremssattels merkte ich, dass es wieder eine Reparatur mit Hindernissen wird. Ich habe zwar einige Imbusschlüssel, aber keinen von dieser Größe. Und als ich endlich einen Imbusaufsatz im Knarrenkasten fand, der passte, riss mir der Adapter auseinander. Also fuhr ich noch einmal die 20 Kilometer zum Teilehändler und kaufte mir eine passende Nuss.

Der Rest des Zerlegens ging deutlich leichter.

Auch hier war keine Schraube festgerostet – aber ich hatte vorsichtshalber beim Tausch der Koppelstangen und Querlenker schon einmal alle mit Rostlöser behandelt. Erst, als ich den Achschenkel mit Radnabe und Radlager ausgebaut hatte, wurde mir bewusst, dass ich eigentlich von Glück reden kann, dass mir das Radlager nicht festgelaufen ist. Dass es Geräusche macht, wusste ich schon ein, zwei Monate. Doch auf den Tausch hatte ich lange Zeit nicht wirklich Lust und drehte einfach das Radio lauter. Ein Fehler, den ich garantiert nicht noch einmal machen werde.

Gesund hörte sich das nicht mehr an. War es auch nicht. Als sich beim Auspressen der Radnabe das alte Radlager zerlegte, war kaum noch wirkliches Fett in dem Lager – aber nach fast dreihunderttausend Kilometer sei ihm das verziehen. Es hat seinen Dienst wirklich getan.

Und störrisch war es dennoch.

Wer schon einmal ein Radlager an einem tornadoroten Golf IV mit Schnurrbart gewechselt hat, weiß wohl, dass dabei eine Innenschale des Radlagers meist auf der Radnabe stecken bleibt – und Harald war keine Ausnahme. Werkstätten haben für diese störrische Innenschale anscheinend spezielle Abzieher… ich aber nicht. Also fragte ich Jürgen und auch Lukas nach Tipps und schaute, während ich auf ihre Antworten wartete, auch einmal ins Internet. Während viel Stuss dabei war (wie fast immer, schließlich denkt fast jeder, er hätte Ahnung von Autos), gab es auch einige gute Tipps. Man sollte z.B. eine Kerbe reinfräsen und den Ring dann mit einem Meißel auseinanderschlagen. Doch als ich meinen Dremel anschmeißen wollte, hauchte er qualmend sein Leben aus. Eine Kerbe mit der Flex reinzubekommen, ging dank des ABS-Rings nichts. Dann fand ich dieses Video. So eine Konstruktion wollte ich mir auch basteln. Dank einer gut gefüllten Schrottkiste (ich schmeiße eigentlich kaum etwas weg), konnte ich das abgerostete Abgasrohr eines Golf III und irgendein rundes Stück Stahl zum Abzieher des Radlagerschale umbauen. Einmal unter die Hydraulikpresse gehalten – und die Schale war ab.

Nun musste nur noch alles zusammengebaut werden.

Nachdem die Farbe auf dem Achsschenkel und dem Abschirmblech getrocknet war (ich hatte es eher aus rostschutztechnischen als aus optischen Gründen gemacht), zeigte ich dem neuen Radlager seinen neuen Arbeitsplatz. Das sollte da aber nur kurz bleiben. Wie es halt so ist – Menschen machen Fehler. Und als ich den Achsschenkel mit Radlager kopfüber auf die Radnabe pressen wollte, machte ich einen Denkfehler – und mit einem leisen „Plock“ verabschiedete sich das neue Radlager und ließ Kugeln regnen. Was mein Fehler war, wusste ich nach einer kurzen Absprache und Standpauke von Jürgen, dann auch ganz gewiss. Mein Einpresswerkzeug war nicht geeignet. Also musste ich alles noch einmal auseinandernehmen, wieder die 20 Kilometer zum Teilehändler fahren, ein neues Radlager besorgen und alles wieder zusammenbauen. Aus Fehlern lernt man.

Probefahrt zur Werkstatt.

Nachdem ich auch alles wieder in das Auto eingebaut und mit dem richtigen Drehmoment (Ich liebe Drehmomentschlüssel… klickklick…) angezogen hatte, ging ich mit Harald auf Probefahrt – und alles lief so ruhig und geschmeidig, wie schon lange nicht mehr. Auf dieser Probefahrt hatte ich sogar ein Ziel – nämlich die Werkstatt meines Vertrauens. Hört sich nun vielleicht komisch an, ist aber so. An den Zahnriemenwechsel (natürlich gleich mit Wasserpumpe und Keilrippenriemen) habe ich mich nämlich nicht getraut. Zum einen habe ich es noch nie gemacht und wollte nicht durch einen Fehler wie mit dem Radlager den Motor zerstören, zum anderen möchte ich auf einen Zahnriemenwechsel gerne Gewährleistung haben – auch, wenn mich der Wechsel und das Einstellen der Spur dank teurem Zahnriemensatz über 800€ gekostet hat. Sicher ist sicher.

Aber die Werkstatt hat mich nicht enttäuscht. Seit dem Zahnriemenwechsel (und der restlichen Kur) sind inzwischen schon wieder gut viertausend problemlose Kilometer hinzugekommen. Gerade in letzter Zeit habe ich mehr Kilometer hinter dem Steuer verbracht als je zuvor. Und irgendwie wächst mir der alte Wagen von Tag zu Tag mehr ans Herz. Ob es daran liegt, dass er mich mit guter Musik und warmer Heizungsluft beruhigt, wenn ich gestresst zwischen Studium, Arbeit und meinem Zuhause hin- und herfahre? Oder mag ich ihn einfach, weil ich ganz genau weiß, dass er mich ohne Murren ans Ziel bringen wird? Es beruhigt mächtig, ein Auto zu haben, das immer zuverlässig ist und nebenbei auch noch günstig fährt. Man kann sich dann beruhigt über andere Dinge Gedanken machen. Über Freundschaft zum Beispiel. Oder wie man sich in den nächsten Monaten einmal Zeit für seine Freunde und die Familie freihalten kann. Oder was alles in ein Buch gehört – aber das sind ganz anderen Themen.

Und Harald? Der wird wohl weiterhin das tun, was er am liebsten mag:

Fahren.

Über Watt'n Schrauber

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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5 Antworten zu Freundschaftspflege.

  1. Maik Mrugalski sagt:

    Ich bin ja einer der offensichtlich heutzutage wenigen Menschen, die JEDES Auto gut behandeln, ob Sommer-winter, ob meins oder nicht meins.

    Ich finde nichts schlimmer als „Menschen“, die Dinge wie Dreck behandeln, nur weil sie ihnen nicht gehören.
    So würde ich auch einem 200 Euro Winterauto sofort einen Ölwechsel mit synthetischem Öl gönnen, einfache Fehler beseitigen, auch wenn’s ein paar Euro kostet.

    Solche Baustellen wie meinen W210 hätten die meisten sicher längst auf den Schrott gefeuert, ich hab mir vorgenommen – der geht über den Tüv (ich hoffe ich überhebe mich dabei nicht)

    Gruss, Maik

    • LarsDithmarschen sagt:

      Hey Maik,

      siehste – da gleichen wir uns. Ich behandel auch alle Autos gleich. Irgendwie hat das doch etwas mit Empathie für Technik zu tun. Selbst, wenn das Auto noch so doof ist…

      Mit Ölwechseln bin ich auch immer fleißig – nur bei Hein habe ich den nicht gleich gemacht. Der Ölwechselzettel sagte mir, dass der letzte Wechsel noch nicht lange her war. Als ich dann die rundgedrehte Ölablassschraube gesehen habe… naja. Ist ein anderes Thema. Über Werkstatt-Pfusch mag ich mich hier nun nicht auslassen. Zum Glück sind die meisten dadraußen fair.

      Was ist denn für die HU alles zu tun bei deinem Schlachtschiff?

      Schöne Grüße
      Lars

  2. thorsten sagt:

    Die Lagerschale bleibt eigentlich immer auf der Nabe hängen. ABS-Ring ab und mit einem Meissel zwischen Nabe und Lagerschale rundum loskloppen. Mach ich schon ewig so und funktioniert…

    Wenn du mal wieder vorbeikommst, zeige ich dir das. Auf die Art und Weise hab ich mangels passende Abzieher schon ganze Getriebe zerlegt. Mit etwas Umsich macht man auch nix kaputt!

    • LarsDithmarschen sagt:

      Hey Thorsten,

      das Angebot nehmen ich gerne an!

      Bekommt man den ABS-Ring denn bei allen Naben ab? Weil… das hatte ich versucht, ging aber nicht. Geschraubt war der Ring nicht, kam mir eher geschweißt vor. Oder verpresst? Vielleicht war ich auch einfach ein bisschen zu doof dazu. Aber bestimmt gibt auch bald die rechte Seite auf – dann werde ich da noch einmal genau schauen.

      Schöne Grüße
      Lars

  3. Michael sagt:

    ABS Ring ab hört sich einfach an, ist es aber nicht immer

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