“Don’t stop me now!”

Der vorerst letzte Teil der Tragikkomödie “Wie rette ich einen wertlosen Mercedes?” Die Geschichte eines Autos, das sich einfach nicht bremsen lassen wollte…

“Hier, das ist das Hein-Schwein. Vielleicht ärgert dich der Benz dann nicht mehr so!”

Mit den Worten bekam ich eine kleine Figur in die Hand gedrückt. Verwundert schaute ich sie mir genauer an. Ein kleines Schweinchen blickte irgendwie erwartungsvoll zu mir hoch. Ein gemeiner Mensch hatte dem kleinen Tierchen “Viel Glück” in den Bauch geritzt. “Das Hein-Schwein soll dir aber auch auf den Reisen Glück bringen!” Ich freute mich sehr über die Geste. In drei Tagen sollte der erste (kleinere) Roadtrip mit Hein starten – und er nervte mich schon wieder ganz gewaltig. Das Fahrwerk hatte ich gerade erst wieder zusammengesetzt, auch Schweißarbeiten hatte der alte Kahn nicht mehr nötig. Sogar die saubere Innenausstattung war wieder an Ort und Stelle. Eigentlich wollte ich dann nur noch kurz die hinteren Bremsen überholen – der eigentlich Grund, wieso diese “Mini-Restauration” überhaupt gestartet ist. Doch es kam wie immer alles ganz anders.

Doch fangen wir mal von vorne an.

Im April hatten sich die hinteren Bremssättel meines 230E überlegt, dass sie keine Lust mehr auf ihre Arbeit hatten. Darüber ziemlich wütend war ich nicht in der Lage so richtig nachzudenken und machte kurzer Hand ein Projekt aus dem Wagen, was ein wenig ausartete. Hein wurde blöd. Aber so richtig. Aber das habt ihr ja wahrscheinlich mitverfolgt. Ursprünglich war der Plan, Hein so in ein, zwei Wochen fit zu machen und dann mit ihm zu verreisen. Schließlich hatte ich ihn dafür gekauft. Doch aus diesen “ein, zwei Wochen” wurden dann irgendwie fast drei Monate. Drei Monate voller Hass, Wut und Gemotze, aber auch mir Erfolgsmomenten. Doch Ende Juni war die Luft ein wenig raus. Ich wollte Hein endlich fahren. Doch es war auch langsam ein Ende in Sicht. Ich müsste nur noch die neuen Bremsen anbauen. “Nur noch”.

So ganz verkehrssicher war er ja doch nicht mehr.

Eins muss ich ja zugeben. Dass die hinteren Bremsen nicht mehr das Gelbe vom Ei waren, wusste ich schon ein wenig länger. Die Bremsscheiben und Bremsbeläge hatten ihr Verfallsdatum schon recht was überschritten – aber natürlich habe ich noch nicht “Eisen auf Eisen” gebremst. Etwas Restbelag war auf den hinteren Scheiben noch, wenn auch nicht mehr viel. Genau das Gleiche galt auch für die Bremsbacken der Feststellbremse, die ich nach einem kurzen Blick auch sofort neu kaufte. Dieser “kurze Blick” war übrigens natürlich nicht einfach mal eben so getan. Die Feststellbremse funktioniert nämlich anders als bei meinen anderen Autos. Während die Feststellbremse bei meinem Golf IV so funktiniert, dass das Handbremsseil über einen Hebel den Kolben des Bremssattels herausdrückt, hat sich Mercedes was anderes einfallen lassen. Mercedes hat die Feststellbremse nämlich von der Betriebsbremse getrennt. Während die Betriebsbremse hinten eine Scheibenbremse ist, ist die Feststellbremse eine Trommelbremse, wobei die Bremstrommel der Trommelbremse die Scheibe der Betriebsbremse… äh… ihr wisst, was ich meine.

Auf jeden Fall waren die Bremsscheiben (die gleichzeitig auch als Bremstrommel dienen), auf beiden Seiten so richtig auf der Radnabe festgerostet. Da Hein schon weit über 200 000 Kilometer auf der Uhr hat, gehe ich einfach mal nicht davon aus, dass die hinteren Bremsen noch der erste Satz gewesen sind. Also muss folglich mal eine Werkstatt (oder ein Hobbyschrauber) die Nabe beim Montieren der damals neuen Bremsscheiben nicht richtig sauber gemacht haben – oder der Wagen hat einfach viel Salz gesehen. Bestimmt acht Mal habe ich geschaut, ob ich die Feststellbremse wirklich ganz zurückgestellt hatte, doch auf keiner Seite ließ sich das kleine Zahnrädchen noch mehr zurückdrehen. Dann versuchte ich es mit einigen Hammerschlägen, die aber auch nicht zum Erfolg führten. Rostlöser und Hitze waren auch immer meine Begleiter. Nach zwei Tagen Herumquälerei gab ich auf – und holte den großen LKW-Abzieher zur Hilfe. Das war zwar nicht ganz ungefährlich, weil die Bremsscheiben zerspringen könnten (also NICHT nachmachen!), aber effektiv.

Doch noch schlimmer kam es vorne.

Beim Erneuern des Fahrwerks war mir auch aufgefallen, warum anscheinend die Bremsflüssigkeit ewig nicht mehr gewechselt worden war. Vorne links war der Entlüfternippel abgerissen, nur noch ein rostiger Stumpfen steckte im Bremssattel. Und das ist doof. Der Bremssattel musste runter. Und da kam dann auch gleich der nächste Schock. Der Bremsschlauch fühlte sich irgendwie komisch an. Irgendwie anders, als ich es sonst von Bremsschläuchen gewohnt war. Ich knickte ihn nur ein ganz klein bisschen, um zu sehen, ob er porös sei – und schon lief mir die komplette Marmelade, die früher einmal Bremsflüssigkeit war, über die Finger und die Arme. Ob der Schlauch die nächste Vollbremsung wohl noch ausgehalten hätte? Ich wage es zu bezweifeln. Ein kurzer Schauer lief mir über den Rücken, als ich daran denken musste, dass ich so schon fast fünftausend Kilometer unterwegs war. Und ja, die anderen Bremsschläuche waren auch kein Stück besser. Eigentlich hätte das doch schon bei der letzten HU auffallen müssen… Danke an meine Schutzengel.

Dann versuchte ich, den kaputten Entlüfternippel aus dem Sattel herauszubekommen. Zuerst nahm ich dafür eine Zange, um versuchen den in Rostlöser eingeweichten Stumpen so herauszudrehen. Das war aber so erfolgreich wie die letzten Fußballspiele des HSV. Auch das Bohren eines kleinen Lochs, um da dann einen Imbusschlüssel reinzuschlagen, funktionierte nicht. Als das mit dem Aufschweißen einer kleinen Mutter auch nicht funktionierte (und meine Geduld nach fast einem Tag Gefummel vorbei war) entschied mich für das vorsichtige Ausbohren und das Nachschneiden des Gewindes. Und das schien auch super zu klappen. Bis mir der alte Gewindeschneider abbrach, als ich ihn wieder aus dem Loch herausdrehen wollte. Einfach so, ohne zu verkanten. Der Bremssattel war also hin. Ein Neuer musste her. Oder vielleicht doch nicht?

Recycling wird ja groß geschrieben.

Nachdem die vorderen Fahrwerksfedern erst für Tränen in den Augen und dann für Ebbe im Portemonnaie gesorgt hatten, wollte ich mich mal nach guten, gebrauchten Bremssätteln für vorne und hinten umschauen. Ich hatte erst doch ein wenig Bedenken, aber ich dachte mir, dass gute, gebrauchte Markenteile bestimmt besser sind, als schlechte, neue Billigprodukte. Nach etwas Herumfragerei wurde ich auch fündig.  Ein mir gut bekannter Mercedes-Sammler hatte nämlich gerade einen Schlachter da, der bei Nässe im Graben gelandet war. Pech für den Besitzer, Glück für mich. Der Wagen hatte nämlich gut ein Jahr vor dem Unfall rundherum komplett neue Bremsen bekommen. Inklusive neuer Bremssättel. Für fünfzig Euro durfte ich sie mir an einem unglaublich heißen Tag abschrauben. Allen verpasste ich trotzdem noch einmal neue Entlüfternippel und konnte sie dann auch prima einbauen. Und um ein bisschen vorweg zu greifen: Die Bremssättel funktionieren astrein.

Was man von den Bremsleitungen nicht behaupten konnte.

Inzwischen war es der Abend des 18. Juli 2018. In fünf Tagen wollte ich auf die erste “Jungfernfahrt” mit Hein gehen. Um mich selbst an die Arbeit zu bringen, hatte ich mir vorgenommen, das Treffen des Fusselforums mit Hein zu besuchen. Das würde heißen, dass ich an zwei Tagen gut 1000 Kilometer mit Hein fahren sollte. Die Karosserie hatte ich, bis auf ein paar Plastikverkleidungen, soweit wieder komplettiert. Die Feststellbremse hinten hatte ich schnell gangbar gemacht und mit frischen Bremsbacken versehen, auch die Scheiben, Klötze und Bremssättel waren schnell montiert. Doch als ich die ebenfalls neuen Bremsschläuche an die Leitungen schrauben wollte, ging das nächste Drama los. Hein wollte sich wohl einfach nicht bremsen lassen.

Erst war es nur ein Knacken, dann ein Plätschern.

Als ich den Bremsschlauch hinten links mit der Bremsleitung vereinen wollte, lief auf einmal Bremsflüssigkeit aus. Die Bremsleitung vom Schlauch zum Verteiler, die eigentlich nicht einmal rostig aussah, war so dünn gerostet, dass die bei einer minimalen Bewegung sofort brach. Wieder einmal dankte ich meinen Schutzengel, dass mir das nicht während der Fahrt passiert war. Meckern brachte mich aber auch nicht weiter,  also holte ich Papas altes Bördelgerät aus dem Schrank, baute es zusammen, ging zur Werkbank, stolperte über ein Kabel… und schmiss das Bördelgerät hin. Nun nehme ich an, dass es kein gutes Bördelgerät war, denn sonst wäre es wohl kaum sofort kaputt gegangen. Meine Fahrt sah ich schon schwinden…

Ein Glück kam das neue Bördelgerät gerade noch rechtzeitig an.

Zwei Tage hatte ich noch Zeit, bis ich losfahren sollte. Morgens ging ich frohen Mutes raus. Nur kurz die eine Bremsleitung ersetzen, dann die Bremsen entlüften, das Auto noch einmal waschen und dann könnte es ja schon losgehen, dachte ich da noch. Die anderen Bremsleitungen, im Sonnenlicht der Nacht (Äh? Da war der Fehler…) unter die Lupe genommen, sahen nämlich noch alle recht gut aus. Umso erstaunter war ich, als ich die neue Bremsleitung einschraubte, dass es gleich an zwei anderen Stellen knackte und Hein wieder Bremsflüssigkeit verlor. Und so kam es dann, dass die Arbeit, für die ich gut eine Stunde eingeplant hatte, fast zwölf Stunden gedauert hat. Immer wieder traten neue Probleme auf, immer wieder knackte irgendwo eine noch total gesund aussehende Leitung. Am Ende des Tages hatte ich die Hälfte der Bremsleitungen an Hein erneuert und ging (mir selbst schwörend, dass die nächste Investition eine Hebebühne sein wird) ins Bett.

Das Entlüften am nächsten Tag erwies sich dann aber nur noch als Kleinigkeit, besonders dank der Hilfe meiner Mutter, die fleißig die Arbeit am Pedal übernahm. Das klappte (nach mehreren, stundenlangen Versuchen wie man die hintere Kammer des Bremsflüssigkeitsvorratsbehälter füllt) recht problemlos. Und so wurde es trotzdem wieder dunkel, als ich mit Hein auf die erste Fahrt nach fast drei Monaten Arbeit ging. Der Motor sprang sofort an und lief wie gewohnt rund und ruhig. Allgemein verhielt sich Hein auf der fünf Kilometer langen “Probefahrt” recht ruhig. Nur ein kaputtes Standlicht konnte ich erkennen. Oder wollte ich nur erkennen?

Viel Zeit zum Testen blieb mir nicht mehr. Aber das war ja auch kein Problem, schließlich wäre dafür ja die Jungfernfahrt da. Einmal von Dithmarschen an den Edersee und zurück. Gut tausend Kilometer in zwei Tagen.

Was sollte da schon schiefgehen?

Ihr werdet es lesen. Bald.

 

Über LarsDithmarschen

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
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4 Kommentare zu “Don’t stop me now!”

  1. Marc sagt:

    Eigentlich schade, dass Hein nun genesen ist…. ich meine natürlich gut für Dich! Aber ich lese diese Stories halt so gerne und kann mich da auch gut hineinversetzen und es nachfühlen. Diese W124 Nummer ist sowieso ganz mein Ding. Ich mag diese Baureihe und werde mir sicherlich auch irgendwann mal einen zulegen. Wenn gleich ich allerdings auch nicht den Mut habe, mir ein 800€ Schnäppchen zu ergattern… Schreib’ bitte weiter diese Geschichten.
    I like it !

  2. Michael sagt:

    Bremsleitungen ersetzt man immer komplett, 5 Meter kosten bei Stahlgruber 7 Euro, die nötigen Nippel nur Centbeträge, einmal von vorne bis hinten durch und man hat Ruhe für immer

    Früher habe ich auch gefummelt, geschmirgelt, gefettet, alles vorbei, immer neu wenn es nötig ist

  3. thorsten sagt:

    Recycling ist manchmal auch ganz schön. Vor allem preiswert. Ich hab ja auch grad mal wieder einen kostenlosen Teileträger ergattert. Und mich gefreut: Sind neue Bremsleitungen drunter. Keine Bördel/Biegeorgie also…

    Schreib nicht wertlos. Sonst könnte das noch wer glauben. Ich freu mich gerade mal wieder über die Preishype. Für meinen Z3 wird in der aktuellen Youngtimer 11k in gepflegtem Zustand aufgerufen. Da wird es langsam Zeit für ein Gutachten…
    Mittelklasse-Benze haben im Alter immer ihren Wert. Das macht auch vor dem W124 nicht halt und auch nicht vor Buchhalterausstattungen. Kombi und Coupe sind ja schon länger teuer, Hein wirds auch mal so gehen. Und dann noch bei so prominentem Vorbesitz….;-)

    Ich frag mich nur so ganz beiläufig, ob Deutschland dann irgendwann mit Hallen voller Fahrzeugsammlungen zugepflastert ist. Und keiner mehr da, der die wertvollen Geldanlagen (woanders gibts ja keine Zinsen mehr…) kaufen will…

    Kann also auch eine Seifenblase sein…

    Egal. Kaufen, wenn sie wertlos sind und fahren. Sparen ist da schon vorprogrammiert, mehr Laune macht es auch.
    Und ich muss mich nicht über Kratzer oder Hundehaare ärgern
    Und ich kann die Hütte schneller bezahlen, weil ich keine Raten für Neuwagenschrott abstottern muss.
    Der, so ganz beiläufig, auch nicht zuverlässiger sein muss als ein gut abgehangener Benz. Oder Volvo. Oder…
    Eher im Gegenteil. Der Testfahrer ist da nämlich schon lange raus aus dem Auto.

    Weitermachen!

  4. Michael sagt:

    Fakt ist: Jedes Auto ist genauso viel wert wie jemand bereit ist dafür zu bezahlen

    Z3 welche 5-stellig wert sind (sein sollen) müssen schon besondere Ausführungen im Top Zustand sein

    Frühe Baujahre mit 4-Zylinder Motoren liegen eher im bereich <5000 Euro

    Alte VW oder Audi aus den 70/80er Jahren sind bis auf seltene Kronjuwelen (Urquattro, Rally Golf, Golf Country….) in den letzten Jahren im Wert nicht bis kaum gestiegen, das passende Image fehlt einfach

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