Ein Jahr Show and Sch… Hein.

Ein Jahr verbringe ich nun mit dem Auto, das angeblich das beste alte Auto sein soll.Doch ist er das wirklich? Nach einem Jahr mit „Hein“ hier meine Meinung zum W124.

Wie schnell doch die Zeit vergeht.

Lasst mich euch einmal auf eine Zeitreise mitnehmen. Ja, ich weiß – ich heiße jetzt nicht Marty McFly und fahre auch keinen coolen Sportwagen aus Edelstahl, aber das ist auch gar nicht nötig. Die Zeitreise, die wir machen wollen, dauert nämlich nicht besonders lange. Wir reisen nämlich nur genau ein Jahr zurück. Auf dem Kalender ist der 06.02.2018 aufgeschlagen und wir finden uns ganz plötzlich in einer Wohnsiedlung in der Nähe von Husum wieder. Wir sehen eine ganze Reihe neuer Häuser. Vor einem dieser Häuser stehen drei Männer an einem alten, schwarzen Mercedes, dessen Motor schon einmal warmläuft. Es ist schon dunkel und kalt und ungemütlich, deshalb hat auch niemand so viel Lust, sich lange draußen aufzuhalten. Zwei der Männer geben sich die Hand und tauschen kurz darauf einen Ordner mit Papieren gegen einen Umschlag aus. Es scheint wohl Geld drin zu sein. Der kleinste der drei Männer, der eben noch den Umschlag in der Hand hatte, schaut leer und irgendwie debil grinsend auf die große, schwarze Limousine, die vor ihm steht.

Es war wohl der größte Aussetzer, den ich hatte.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass das, was andere Leute wohl „Gehirn“ nennen, bei mir ab und zu einmal aussetzt. Eigentlich wäre es gar nicht der Erwähnung wert. Doch der Aussetzer, den ich heute vor einem Jahr hatte, war anders als die übrigen, die ansonsten nur dafür sorgen, dass ich nicht weiß, wo ich meinen Autoschlüssel hingelegt habe. Heute vor einem Jahr kaufte ich nämlich meinen ersten Mercedes und nannte ihn „Hein“. Eigentlich wollte ich mir einen alten Kombi mit Dieselmotor kaufen, um damit durch Europa zu reisen, doch wie ihr ja inzwischen wisst, wurde es irgendwie eine alte Limousine mit Benzinmotor. Immerhin war Hein günstig, wenn auch etwas mitgenommen. Die sieben Vorbesitzer und die fast dreißig Jahre Alltag zeigten schon deutlich ihre Spuren. Aber er fuhr und lief noch recht gut – und sollte es auch noch fast 13000 Kilometer in dem Jahr tun.

Keine Sorge, ich werde euch nun nicht noch einmal mit all den Geschichten nerven, die ich bisher mit Hein erlebt habe. Die könnt ihr schließlich auch hier nachlesen oder auch kurz zusammengefasst im Jahresrückblick 2018. Ich möchte euch heute viel lieber einmal erzählen, wie es ist, mit dem angeblich besten alten Auto, dem Mercedes W124, zu leben.  In den letzten Monaten durfte ich nämlich auch einige Alternativen erfahren, auf die ich auch einmal eingehen möchte. Falls ihr euch also für einen siebt-Hand-230E mit vier handgeschalteten Gänge interessiert und euch von ganzen W124-Hype etwas geblendet fühlt – hier einmal meine ehrliche Meinung zum Auto.

Eines noch vorweg:

Lasst mich euch ein wenig Arbeit abnehmen. Ich weiß sowieso schon, wie die Kommentare unter diesem Artikel oder in den sozialen Medien lauten werden. Hardcore-Mercedes-Fans werden mir sagen, dass es alles daran lag, dass ich nicht schrauben oder fahren kann (vielleicht haben sie da auch gar nicht so unrecht) oder, dass Hein ein ungepflegtes 800€-Exemplar war. Hardcore-Fans von Audi werden mir erzählen, dass ich mit einem Audi 100 Typ 44 viel besser bedient gewesen wäre und BMW-Freunde werden mir sagen, dass ich mal lieber zum 5er BMW gegriffen hätte. Aus irgendeiner Ecke kommen dann noch Stimmen von Volvo-Fans, die meinen, ich hätte mal lieber bei meiner Marke bleiben und einen Hecktrieb-Volvo kaufen sollen. Doch genau darauf möchte ich einmal eingehen. Wäre ich mit einem anderen Wagen wirklich besser dran gewesen?

Das Wichtigste zuerst: Die Kommandozentrale.

Ich glaube, der Innenraum ist wirklich das Beste am ganzen Wagen. Wie schon geschrieben habe ich im letzten Jahr gut 13 000 Kilometer hier verbracht – meistens auf sehr langen Strecken. Und selbst nach 1400 Kilometern, die ich mit dem Wagen fast am Stück gefahren bin, stieg ich noch entspannt aus. Keine Rückschmerzen und keine nervösen Zuckungen wegen des Klapperns irgendeines Verkleidungsteils. Zwar mögen jetzt Vertreter des Citroen CX (zurecht!) dazwischenrufen, dass ihr Auto noch viel komfortabler ist und vor allem viel mehr Platz bietet – allerdings kann der CX bei der Verarbeitungsqualität des Mercedes nicht mithalten. Während beim CX das billige Plastik häufig zerbricht oder knarscht, ist der Mercedes von innen (auch bei hohen Geschwindigkeiten) erstaunlich leise. Alle Schalter fühlen sich an, als wären sie gerade erst eingebaut worden und die Sitze sind noch nicht durchgesessen. Das können Hecktrieb-Volvos zwar auch, meist wirken die im Innenraum aber doch etwas billiger.

Was ihn bewegt.

Ich weiß, auch hier hat Hein nichts Spannendes zu bieten. Nur einen 2,3-Liter Vierzylinder-Ottomotor mit einem manuellen Vierganggetriebe. Zum Motor kann ich gar nicht so viel sagen, außer, dass er wirklich zuverlässig scheint. Das kann zum einen daran liegen, dass der Vorbesitzer eine neue KE-Jetronic einbauen ließ, zum anderen kann es aber auch einfach an der Qualität der Motoren bei Fahrzeugen aus den 80ern liegen. Auch die Motoren von Audi, VW, Opel, Volvo, BMW oder jeglichen anderen Marken, die in den 80ern gebaut wurden, waren auch ohne Pflege meist recht robust, da ist der M102 E23, wie er ganz förmlich heißt, also keine Ausnahme. Was ich noch erwähnen muss – er ist erstaunlich sparsam. Drei Mal schaffte ich es (auf langen Strecken) den Verbrauch bei Reisetempo 110 km/h auf unter 7 Liter Super auf 100 zu bringen. Im Gesamtdurchschnitt liegt Hein bei 8,09 Litern. Das ist mehr als okay.

Das Vierganggetriebe zieht den Motor ein bisschen herunter. Auf dem flachen Land oder auf langen Strecken stört das Getriebe nicht wirklich. Der Motor hat genügend Drehmoment, um auch schaltfaul zu fahren – und das macht man gerne, denn das Schaltgefühl beim W124 finde ich nicht wirklich ansprechend. Aber gut – es ist ja auch kein sportlicher Roadster, sondern eine fette Limousine. Auf meiner Reise durch Österreich merkte ich aber relativ schnell, dass der Sprung zwischen dem zweiten und dritten Gang etwas… gewöhnungsbedürftig ist. Bei wirklich starken Steigungen muss man schon etwas mehr rühren. Wenn man den zweiten hoch ausdreht und in den dritten Gang schaltet, fehlt dem Motor das Drehmoment dazu, den Wagen fröhlich weiter kraxeln zu lassen. Eine Automatik wäre da vielleicht ein wenig komfortabler, aber dann bestimmt nicht mit dem Verbrauch zu fahren.

Ein Auto will aber auch unterhalten werden.

Und hier kommen wir zum Thema, warum ich Hein überhaupt noch habe. Anscheinend fahren nicht mehr so viele 230E durch die Gegend – oder zumindest sitzen dann meist keine Raser am Steuer. Die Versicherung für Hein ist (in meinem Fall) wirklich günstig. Ich habe ihn zwar auf Saison-Kennzeichen zugelassen, das liegt aber eher daran, dass ich als Student so doof bin und fünf Autos zugelassen habe und mich freue, wenn ich einige Monate einmal nicht bezahlen muss. Auch die Ersatzteile sind erstaunlich günstig – teilweise günstiger als die für meinen Alltagsgolf. Irgendwo kann man es eben merken, dass von dem Wagen noch so viele unterwegs sind. „Mainstream“ ist nicht immer kacke. Es gibt zwar Teile, die wirklich teuer sind (Hubwinkel z.B., deshalb habe ich mein Schiebedach noch nicht repariert), aber dann kann man auch auf ein großes Gebrauchteileangebot zurückgreifen. Allgemein ist (fast) alles verfügbar. Es gibt zwar einige Teile, die Mercedes-Benz nicht mehr liefert, aber es ist nicht so schlimm wie bekanntermaßen bei Audi oder inzwischen teilweise auch bei Volvo.

Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise!

Vielleicht liegt es nur an mir, dass ich immer, wenn ich am Steuerrad meines alten Reisedampfers sitze, Hans Albers mit seinem Seemanns-Klassiker im Ohr habe. Trotz neuer Monroe-Stoßdämpfer rundherum, ist der W124 das mit Abstand unsportlichste Auto, was ich habe. Und ja, da schließe ich auch Elsa, meinen 57er Buckelvolvo mit ein. Als ich mit dem Wagen einmal durch Serpentinen fuhr, kam es mir vor als würde ich bei Windstärke 10 in meinem Kanu auf der Nordsee paddeln. Das mag bei einem Sportline besser sein, aber ein Standard-W124 wie meiner ist schon recht weich. Aber das soll er auch wohl sein. Die Lenkung ist (nicht ganz so) indirekt wie bei einem alten amerikanischen Straßenkreuzer – und soll wohl auch so sein. Irgendwie fährt er sich wie ein kleiner Cadillac. Man muss ihn halt auch nur so bewegen. Die fahraktive Alternative ist wohl fast unangefochten der 5er BMW. Oder ein Audi 100 mit Quattro.

Über ein Thema müssen wir uns noch unterhalten.

Genau, richtig. Rost. Beim W124 ist das immer ein Thema – außer man findet irgendwo ein Auto, das die letzten dreißig Jahre in der trockenen Garage einer alten Dame verbracht hat. Selbst wesentlich teurere Fahrzeug als Hein, die von Fans des Fahrzeugs gekauft werden, haben meist irgendwo mit brauner Oxidation zu kämpfen. Vor dem Kauf sollte man deshalb wohl genau schauen oder sich zumindest bewusst sein, dass man irgendwann einmal auch einmal neue Hinterachsaufnahmen einschweißen muss. Das ist zwar machbar, kostet aber, wenn man es nicht selbst machen kann. Wobei Rost nach 30 Jahren Alltagsbetrieb fast bei allen (selbst vollverzinkten) Fahrzeugen ein Thema ist. Häufig nur nicht so stark wie beim W124. Vom Wasserbasislack beim Mopf2 will ich gar nicht erst anfangen.

Ist der W124 nun das beste alte Auto?

Nun, am Ende des Artikels, muss ich wohl einmal sagen, woher meine Inspiration kam. Dieser Welt-Artikel (Es gibt keinen besseren Klassiker als den Mercedes W124) von Haiko Prengel wurde mir schon häufiger geschickt. Ich glaube aber, dass die Antwort nicht ganz so leicht ist. Der W124 ist ganz bestimmt ein tolles Auto – über viele Sachen wird aber auch hinweggesehen, weil es eben ein Mercedes ist. Während beim Scorpio alle über zerfallende Motorkabelbäume lachen, wird es bei Mercedes repariert. Während Rost als „Opelgold“ bezeichnet wird, sagt keiner etwas über die Rostanfälligkeit des großen Daimlers. Große Pluspunkte sind wohl die Zuverlässigkeit und der recht günstige Unterhalt – doch das alleine macht „das beste alte Auto“ noch nicht aus.

Meine Antwort ist simpel: Es gibt nicht „das“ beste alte Auto. Jedes Auto da draußen hat Fehler und Macken. Einige konstruktionsbedingt, einige altersbedingt – ganz viele aber einfach, weil das Fahrzeug nicht richtig gepflegt oder behandelt wurde. Menschen bekommen alles kaputt. Das beste alte Auto ist also das, bei dem man auch gerne einmal das Portemonnaie zückt, um eventuelle Reparaturen zu bezahlen. Das Auto, das zu einem passt und dass man gerne fährt. Und das kann nur jeder für sich selbst entscheiden.

Und Hein?

Hein wird erst einmal bei mir bleiben. Vielleicht bin ich sechzig Jahre zu jung für den Wagen und er fährt so sportlich wie ein Kanalboot – aber irgendwie mag ich ihn. Er ist zuverlässig, gemütlich und Oma ist stolz, dass ihr Enkel es geschafft hat und einen Mercedes fährt. Vor allem mag ich ihn aber, weil ich für 800€ Anschaffungspreis und die bisher gekauften Ersatzteile im Wert für fünfhundert Euro wohl kein vergleichbares, durchrepariertes Reiseauto bekomme.

Ganz egal von welcher Marke.


Natürlich würde mich eure Meinung einmal interessieren. Kann es so etwas wie “das beste alte Auto” überhaupt geben?

Über LarsDithmarschen

Autoverrückt, restauriert einen Buckelvolvo mit wenig Budget, mag Fotografieren, Tanzen und ist manchmal wohl ein wenig durcheinander. Und mag Norddeutschland.
Dieser Beitrag wurde unter Der alte Kahn abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Ein Jahr Show and Sch… Hein.

  1. Moin Lars,

    mit diesen Aussagen bist Du wohl der ehrlichste Mercedes-Fahrer der Welt. Absolut nicht verpeilt, schon gar nicht arrogant und offen für Kritik einerseits und Lob (fürs Modell und die Marke) andererseits.

    Deshalb ist solch ein Mercedesfahrer ungewöhnlich.

    Ich bin gern mit Dir auf der Bremen Classic Motorshow… an nahezu allen Stern-Exponaten vorbeigelaufen ;-).

    Bis denne mal wieder
    Andreas

    • LarsDithmarschen sagt:

      Hey Andreas,

      ich glaube, dass es da draußen auch noch mehr solcher Mercedes-Fahrer gibt. Es gibt garantiert genügend Leute, die die Autos auch nur als Nutzfahrzeuge sehen.

      Diesen “Ich-habe-das-beste-Auto”-Hype kann man auch ganz häufig bei BMW und Audi finden. Aber man muss nicht lange nachdenken, um zu sehen, dass auch die Fans der beiden Marken total in ihrer Traumwelt tapsen.

      Schöne Grüße von der Küste
      Lars

  2. thorsten sagt:

    Sehr schön geschrieben. Ohne Markenbrille, das ist es, was ich am meisten schätze.

    Das mit dem Rost….
    Die Vor-Wasserlack-W124 sind eigentlich recht brauchbar vor Rost geschützt, alles was danach kam war ja bekanntermassen schlechter. Davor aber auch. Das Jammern ist da auf recht hohem Niveau, immerhin ist er fast 30. Sicher konnten das wenige andere Hersteller noch ein wenig besser, aber die können es auch alle nicht mehr.
    Gleichalte Opel oder Ford z.B. sind hingegen oft schon vor 15-20 Jahren ziemlich durch gewesen. Ich kann mich gut erinnern, das ein Omega A schon nach 7 Jahren geschweisst werden durfte.

    Das indirekte hat sich Daimler mit dem langen Festhalten an der doch recht antiquierten Lenkung erkauft. Als die Zahnstange eingezogen ist, hat sich das schlagartig geändert, ein W202 fährt sich viel direkter.
    Was die Ausstattung betrifft, hast du völlig recht. Das konnten die Jungs hervorragend, und auch so, das es sich nach 30 Jahren noch gut anfühlen kann.
    Mein Volvo ist im Innenraum dagegen eine Klapperkiste, was wohl am meisten an der so gern kaputten Heckklappenverkleidung liegt, aber sich auch an anderen Stellen gern mal äussert. Da kamen auch grosse Audi oder BMW nicht an Daimler heran.

    Gut, das du im Bezug auf Fahraktivität beim Audi noch Quattro nachgelegt hast. Den frontgetriebenen Typ 44 finde ich nämlich auch eher unsportlich. Da waren die grösseren BMW eher das Maß der Dinge. Ein 7er konnte sich vom Handling her weitaus kleiner anfühlen als er es tatsächlich war. Aber auch das ist Geschichte…

    Übrigens: bei mir zieht auch ein Zweitvolvo ein. Auch so eine Rentnerkiste. Aber das ist eine andere Geschichte….

    Man liest sich!

    • LarsDithmarschen sagt:

      Hey Thorsten,

      ein Zweitvolvo? Ich bin ja mal gespannt. S70?

      Mit dem Rost hast du wohl nicht ganz unrecht. Aufs Alter gesehen ist auch Hein noch recht brauchbar. Aber ob er an die Qualität von Audi/VW oder Volvo aus der Zeit herankommt? Vielleicht nicht ganz. Super hätte ich übrigens auch noch einen E34 gefunden – meiner Meinung nach einer der hübschesten Limousinen auf dem Markt.

      Frontgetriebe Audi 100 habe ich auch nicht als sportlich oder wirklich fahraktiv erlebt. Da macht der Frontlängsmotor wohl einiges aus – irgendwie fühlen die sich immer untersteuernd an. Aber auch Volvo war ja nicht besonders fahraktiv – da macht BMW wohl niemand etwas vor. Wobei Saab auch recht gut sein soll…

      Ich bin gespannt auf deinen Volvo. Lass ruhig einmal sehen!

      Schöne Grüße
      Lars

  3. Pingback: Hotel "Zum Donauschifffahrtsamt" | Watt'n Schrauber.Watt'n Schrauber.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.